Farming 4.0 und Augmented Reality – Claas und John Deere auf der CeBIT 2014


Hannover im März 2014, CeBIT-Zeit, da geht man davon aus, viele Stände mit kleinen technischen Geräten in den Hallen des weltgrößten Messegeländes zu finden. Wer in diesem Jahr durch die wenigen noch von dieser einst so großen Messe belegten Hallen gelaufen ist, traute in Halle 12 fast seinen Augen nicht. Der gleiche Parketboden, die bekannten lindgrünen Maschinen mit dem roten Schriftzug. Nur der Stand war sehr viel kleiner als auf der AGRITECHNICA 2013, in die man sich fast schon zurück versetzt fand.

Claas Lexikon 760 auf der CeBIT 2014 Halle 12

Claas Lexikon 760 auf der CeBIT 2014 Halle 12 Foto: Hannes Schleeh

In der Halle 9 ein ähnliches Bild. Mitten im auf dem Messeauftritt  von Software Cluster stand ein dunkelgrüner John Deere Schlepper als Partner der Kaiserslauterner Universität.

John Deere 6125r am Softwarecluster Stand des DFKI auf der CeBIT 2014

John Deere 6125r am Softwarecluster Stand des DFKI auf der CeBIT 2014 Foto: Schleeh

Was machen all die Landmaschinen auf der IT-Messe fragt sich der Besucher und reibt sich verwundert die Augen. Sind die nur reine Schaustücke um die Besucher an den Stand zu locken? Bei Claas war die Schlange vor dem Cockpit des Lexion 760 manchmal länger als 10 Meter. Alle wollten sich einmal in die Kabine des Mähdreschers setzen. Für viele Nicht-Landwirte ist es überraschend mit welcher Hightech die Landmaschinen heute ausgestattet sind. In Video-Berichten von der Computermesse wurden gar Vergleiche zu Flugzeugcockpits gezogen.

Claas Lexion Kabine innen

Claas Lexion Kabine innen FOTO: SCHLEEH

Claas Arion mit HaWe Überladewagen auf der CeBIT 2014

Claas Arion mit HaWe Überladewagen auf der CeBIT 2014 Foto: Schleeh

Mit einem komplett eigenen Stand konnte Claas auf der Messe glänzen. In der Halle 12 stand neben dem Lexion 760 noch ein Axion 850 mit einem HaWe Überladewagen. Anhand der ausgestellten Erntekette wurde gezeigt, wie sich Claas Farming 4.0, eine Adaption von Industrie 4.0, vorstellt. Industrie 4.0 ist ein Projekt des BITKOM (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien), der bei diesem Projekt direkt mit dem VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) zusammenarbeitet.

Lexion am Claas Stand CeBIT 2014

Lexion am Claas Stand CeBIT 2014 Foto: Schleeh

Im Vordergrund steht bei Industrie 4.0 die Kommunikation von Maschine zu Maschine (M2M). Übertragen werden die Daten heute über das schnelle LTE-Netz. Claas arbeitet in dem Pilotprojekt direkt mit der Deutschen Telekom zusammen, die das LTE-Netz auch auf dem Land ausgebaut hat. Laut Claas ist Farming 4.0, wenn intelligente Maschinen untereinander kommunizieren, dabei Arbeitsprozesse ohne menschliches Zutun abstimmen, stetig verbessern und so ihre Bediener entlasten. Claas möchte mit diesen Vernetzungen die Digitalisierung der Landwirtschaft und die seiner eigenen Produkte vorantreiben. Denn Effizienz ist heute auf dem Acker nicht mehr nur über physische Veränderungen an der Maschinentechnik möglich. Die Digitalisierung durchdringt auch die Landtechnik und damit die Landwirtschaft. Die Hersteller von Landtechnik müssen sich zwangsläufig damit beschäftigen, damit nicht ein Mitbewerber durch die Vorteile der Digitalisierung davon prescht.

Die ausgestellte Technik soll demonstrieren, in welchen Pilotprojekten Claas schon mit M2M und Digitalisierung arbeitet. Der Mähdrescher als Leitmaschine muss möglichst ohne Unterbrechung das zeitlich oft enge Erntefenster maximal nutzen können. Dazu wird der Korntank, der bei einem Lexion im Durchschnitt alle 10 Minuten voll wird von einem parallel fahrenden Überladewagen während der laufenden Ernte abgetankt. Der Zeitpunkt und der Ort des Abtankens wird jeweils im Voraus vom Bordrechner des Mähdreschers errechnet und über das LTE-Netz an das Gespann aus Traktor und Überladewagen übermittelt.

Erntekette Farming 4.0

Erntekette Farming 4.0 Foto: Claas

Das Überladegespann wird dann rechtzeitig zum errechneten Treffpunkt auf dem Schlag geleitet. Mit dem Getreide werden auch alle relevanten Daten, wie zum Beispiel Kornfeuchte und Erntemenge pro Hektar von der Leitmaschine an den Rechner im Schlepper übertragen. Eine weitere Verbesserung stellt das Einstellsystem von Claas dar. Die nur wenige Wochen im Jahr eingesetzten Erntemaschinen sind mit künstlicher Intelligenz ausgestattet. Damit kann auch ein ungeübter Fahrer die Maschine optimal an die herrschenden Bedingungen anpassen. Bei langanhaltendem, schönem Wetter bietet sich das Energieeffizienz Programm zum maximalen Sprit sparen an. Wenn es schnell gehen soll, weil ein Regengebiet naht, passt die Einstellung “Maximaler Durchsatz” wesentlich besser. Den Rest der vor zu nehmenden Einstellungen regelt und steuert die Maschine weitgehend selbständig. Damit und mit einer Schulung in einem Fahrsimulator ist es den Lohnunternehmern und Maschinenringen möglich, auch neue Fahrer Ressourcen schonend auf den Erntegeräten einzusetzen. Die in den Landmaschinen verbaute Intelligenz nimmt die vorprogrammierten Feineinstellungen an der Erntetechnik selbständig vor. Die Fahrer können die Maschine durch falsche Einstellungen nicht mehr beschädigen oder ineffizient machen.

Farming 4.0 Claas Erntekette mit M2M

Farming 4.0 Claas Erntekette mit M2M Foto: Claas

Auch bei John Deere in der Halle 9 geht es um die Maximierung der Einsatzzeiten während der Ernte. Am Beispiel eines Traktors der Reihe 6125r zeigen die Grün-Gelben am Stand von Software-Cluster einen ganz anderen Ansatz.

John Deere Traktor auf dem Softwarecluster Stand CeBIT 2014

John Deere Traktor auf dem Softwarecluster Stand CeBIT 2014 Foto: Schleeh

Die Logistik-Ketten bei der Ernte sind immer nur so stark wie deren schwächstes Glied. Mit einer Software werden nahende Ausfälle prognostiziert und ein Umgehungsszenario errechnet, wie der Ausfall mit möglichst geringem Zeitverlust durch die restliche Erntekette kompensiert werden kann. Bei Ausfällen werden über die Software alle Beteiligten sofort informiert. Über die eingebundenen Endgeräte können die Fahrer dann zusätzlich mit dem Disponenten oder untereinander kommunizieren. Das System läuft auf allen handelsüblichen Smartphones, Tablets und Rechnern.

John Deere Schlepper Kabine innen

John Deere Schlepper Kabine innen FOTO: SCHLEEH

Das Projekt ist ein Demonstrator und im Gegensatz zu den von Claas gezeigten Anwendungen noch im Entwicklungsstadium. Der zweite Showcase am Softwarecluster Stand hat aus meiner Sicht ein riesiges Potenzial, wenn die Entwickler das System zur Produktreife bringen sollten.

John Deere und DFKI Software zur Flottensteuerung CeBIT 2014

John Deere und DFKI Software zur Flottensteuerung CeBIT 2014 Foto: Schleeh

John Deere und DFKI Software zur Flottensteuerung CeBIT 2014

John Deere und DFKI Ernteketten Benachrichtigungen CeBIT 2014 Foto: Schleeh

John Deere und DFKI Software zur Flottensteuerung Projektleiterin Zeynep Tuncer CeBIT 2014

John Deere und DFKI Software zur Flottensteuerung Projektleiterin Zeynep Tuncer CeBIT 2014 Foto: Schleeh

Mit einer neu entwickelten Software werden Maschinenteile allein durch eine Video-Aufnahme mit einer handelsüblichen Videokamera abgescannt und die Umrisse als neue Ebene in dem Programm abgespeichert. Dadurch entsteht praktisch ein zweidimensionales Modell der Maschinenteile. Diese zusätzliche Ebene kann nun mit weiteren Informationen angereichert werden. Für schnelle Reparaturen können Ersatzteilnummern und direkte Links zur Teilebestellung hinterlegt werden. Damit entfällt bei einem defekten Teil eine langwierige Suche nach dem passenden Ersatz. Jeder Fahrer kann mit seinem Smartphone oder Tablet direkt mit der Kamera das zu ersetzende Maschinenteil identifizieren und mit einem Mausklick die Lagerverfügbarkeit prüfen oder beim Hersteller auf der Internetseite bestellen.

Zeynep Tuncer mit der Ministerpräsidentin des Saarlandes Annegret Kramp-Karrenbauer CeBIT 2014

Zeynep Tuncer mit der Ministerpräsidentin des Saarlandes Annegret Kramp-Karrenbauer CeBIT 2014 Foto: Schleeh

Landwirt Gerald Maatmann hat sich die von John Deere vorgestellte Lösung am Softwarecluster Stand angesehen. Sein Fazit als Praktiker:

“Nutzen würde ich es nur, wenn das komplette Handbuch mit allen Fehlercodes in die Software integriert wird und man Fehler direkt am Smartphone ablesen kann. Wenn dann ein Fehler angezeigt würde, der mir sagt, prüfe Wasser, Öl oder sonstiges wäre es Klasse das per Augmented Reality direkt am Smartphone gezeigt zu bekommen.”

Aus der Sicht des Praktikers taugt so ein System sehr gut für die Kontrolle von Wasser, Öl, Licht und Luftdruck. Aber für eigene Reparaturversuche ist es aus Sicht von Maatmann nicht geeignet, da verlässt sich der Milchviehhalter lieber auf das Fachpersonal bei seinem Landmaschinenhändler.

Die Agrarblogger Gerald Maatmann und Hannes Schleeh am Stand von Clans auf der CeBIT 2014

Die Agrarblogger Gerald Maatmann und Hannes Schleeh am Stand von Claas auf der CeBIT 2014 Foto: Claas Mitarbeiter

Andere Hersteller haben dafür schon Apps für Smartphones entwickelt, mittels derer man als Landwirt direkt ein Ersatzteil beim Landmaschinenhändler bestellen kann. New Holland hat dafür eine App mit dem Namen New Holland my Shed im App-Store von Apple eingestellt. Landwirt Marcus Holtkötter hat bei seinem Landmaschinen-Händler seine Schlepper hinterlegt und kann jederzeit über die App Ersatzteile bestellen. Zum System von John Deere fehlt also nur noch die automatische Erkennung der betroffenen Teile durch die Software.

Noch ist das System nicht marktreif und muss sich erst in der praktischen Anwendung bewähren. Spannend bleibt auch die Frage, ob die Software auch bei einem verschmutzten Motor oder Schlepper zuverlässig funktioniert. Wenn sich das System aber in der Praxis bewährt, können damit auch Kleinserien und Sonderanfertigungen von Landmaschinen eine Benutzerfreundliche Fehlerdiagnose erhalten. Laut den Entwicklern soll das fertige System vermehrt als virtuelle Bedienungsanleitung dienen. Bild für Bild wird dann am Smartphone gezeigt, wo die Schmiernippel sind, die bei einer Wartung alle gefunden werden müssen. Komplizierte Einstellungen oder Wartungen an den nur saisonal eingesetzten Maschinen können so mit Hilfe eines Smartphones vereinfacht werden.

Vergleichbar wäre dieses Einsatzszenario mit den Augmented Reality Apps aus dem VW-Konzern. Mit der virtuellen Bedienungsanleitung für den A3 eKurzinfo und der Reparaturanleitung für den XL1 namens MARTA kann sich der Landwirt schon einmal ansehen, wie er in der Zukunft Hilfe bei der Bedienung und Wartung seiner Landmaschinen bekommen wird.

Ein Gedanke zu „Farming 4.0 und Augmented Reality – Claas und John Deere auf der CeBIT 2014

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