Vier Ackerschwestern, die sieben


Ob Gurken oder Parteien – mit einem Sieb lässt sich einiges herauswaschen.

Man muss nicht blutsverwandt sein, um sich für die Landwirtschaft zu verbrüdern. Das dachten sich wohl die vier Aktivistinnen der „Ackerschwestern“, als sie mit zwei Projekten ins Netz gingen: parteisieb.de und landwirtschafterklaert.de – zentral auch zu finden unter ackerschwestern.de. Sie haben Parteiprogramme für die Landwirtschaft auf Herz und Nieren geprüft und versuchen Verbrauchern komplizierte Sachfragen zu erklären.


Eure Website heißt parteisieb.de – Was „siebt“ ihr da und warum habt ihr die Seite ins Netz gestellt?

Parteisieb.de wurde mit der Bundestagswahl 2021 ins Leben gerufen. Es war eine merkliche Aufbruchstimmung in der Landwirtschaft zu spüren – viele Landwirte haben nach einer neuen politischen Heimat gesucht. Doch wer hat schon Zeit, alle seitenstarken Parteiprogramme zu analysieren, zu vergleichen – und sich dabei den persönlichen Favoriten „rauszusieben“? Dabei wollten wir helfen, neutral und sachlich. Wir haben die Parteiprogramme der 7 relevantesten Parteien (CDU, SPD, Die Linke, AfD, Die Grünen, FW, FDP) auf Herz und Nieren geprüft. Sie wurden alle mehrfach durchgelesen, und alles im Bezug zur Landwirtschaft (von Flächenversiegelung bis Tierwohl) extrahiert und mit Quellen/Seitenhinweisen versehen. Komplexere Themen haben wir dann noch erklärt und weiterführende Links hinzugefügt.

Durch das extrem positive Feedback haben wir unsere Arbeit mit dem Koalitionsvertrag fortgeführt und mit dem gleichen Anspruch auf Sachlichkeit und Neutralität analysiert. Beides ist auch jetzt noch bewusst einsehbar, damit man auch als Bürger noch rückwirkend die Chance hat, die Aussagen der Parteien zu vergleichen.

Wie seid ihr vier „Ackerschwestern“ zusammen gekommen?

Wir alle engagieren uns seit Jahren für die Landwirtschaft – auf ganz vielfältigen Weisen. Sei es die Verbraucheraufklärung direkt auf dem Hof, durch Feldschilder, durch Social Media oder andere Öffentlichkeits- und Pressearbeit. Und so haben wir auch schlussendlich zueinander gefunden. Wir haben festgestellt, dass uns die Liebe zur Landwirtschaft, aber auch die gleiche Motivation für die ehrenamtliche Arbeit vereint. Wir haben erkannt, dass wir ähnliche Ziele verfolgen, und alle gemeinsam der Fachlichkeit und Wissenschaft mehr Gehör verschaffen wollen. So wurde beschlossen, dass wir den Weg gemeinsam wagen wollen.

Was macht ihr beruflich?

Franzi Aumer:

Foto: Ackerschwestern.de

Ich bin 26 Jahre alt, bin gelernte Mechatronikerin und hab vor kurzem mein Studium der allgemeinen Informatik (Bachlor of Science, OTH) abgeschlossen. Ich komme aus einem Mutterkuhhalterbetrieb in der Oberpfalz. Neben meinen Vollzeitjob als Softwareentwicklerin durchlaufe ich gerade auch das bayrische „Bildungsprogramm Landwirt“. Das ist die Ausbildung zur Landwirtin in Abendkursen. Ich fühle mich der Landwirtschaft schon von Kindesbeinen an verbunden und deshalb habe ich auch angefangen mich zu engagieren. Damit auch die heimische Landwirtschaft ihre verdiente Zukunft hat, und all dem fachfremden Populismus Fakten und Tatsachen entgegengesetzt werden. Meiner Meinung nach kann unsere Zukunft nur gemeinsam gehen – Verbraucher und Landwirte Hand in Hand. Dafür müssen wir aber erst einmal wieder den sachlichen Dialog auf Augenhöhe schaffen, in dem Fachlichkeit & Wissenschaft mehr Gewicht haben als Gefühle.

Martina Rötzer:

Foto: Ackerschwestern.de

Ich bin 49 Jahre alt. Bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe in einen landwirtschaftlichen Betrieb eingeheiratet. Ich bin gelernte Bürokauffrau. Den Beruf habe ich jahrelang ausgeübt und mein Tätigkeitsbereich erstreckte sich über die komplette Buchhaltung sowohl des landwirtschaftlichen Betriebes, als auch der beiden angehängten Gewerbebetriebe. Dies sind einerseits eine Biogasanlage und andererseits ein Betrieb zur Getreidelagerung und Trocknung. Ich engagiere mich, weil ich finde, dass viel zu wenig darauf geachtet wird, die Produktion von Lebensmitteln im eigenen Land zu erhalten. Es macht ein Land abhängig und erpressbar, wenn es seine Bevölkerung nicht mehr ernähren kann. Das ist meiner Meinung nach auch eine Gefährdung für den Frieden.

Josephine Glogger-Hönle:

Foto: Ackerschwestern.de

Ich bin 23 Jahre alt und auch auf einem Traditionsbetrieb in der Nähe von Neu-Ulm aufgewachsen. Vor kurzem absolvierte ich Politikwissenschaft und Geographie (Bachelor of Arts) an der LMU. Inzwischen engagiere ich mich privat wie auch beruflich für die Landwirtschaft. Bei der i.m.a information.medien.agrar e. V. bin ich als Projektkoordinatorin angestellt und versuche die Schulbildung gerade in Bezug auf die Landwirtschaft und heimische Lebensmittelproduktion zu verbessern und zu bereichern.

Jessica Wiedenmann:

Foto: Ackerschwestern.de

Ich bin 28 Jahre junge, verheiratet und habe ein Kind. Aktuell bin ich in Elternzeit, weshalb auch Lust und Zeit für ein Projekt entstanden ist bzw. die Offenheit dazu da war.

Ursprünglich komme ich nicht aus der Landwirtschaft, habe aber durch meinen Partner, jetzt Ehemann, meine Begeisterung dafür entdeckt. Ich habe Landwirtschaft in Triesdorf (Bachelor of Science) studiert, und danach im Projektmanagement für Qualitätsprogramme und Tierschutz am Schlachthof (Ulmer Fleisch bzw. Müller Gruppe) gearbeitet. Nebenbei habe ich die Weiterbildung zur Erlebnisbäuerin absolviert und bin auf meinem Milchviehbetrieb mit 120 Milchkühe mit voller Tatkraft und Leidenschaft involviert.

Für wen ist die Rubrik „Landwirtschaft.erklärt“ gedacht?

Generell für jeden Menschen, der Interesse an den aktuellen Themen der Landwirtschaft hat. Der Fokus liegt auf Landwirten, welche selbst Verbraucheraufklärung betreiben. Wir bemühen uns aber auch, die sehr komplexen Themen so aufzubereiten, dass jeder interessierte Verbraucher sich einfach einlesen kann.

Nach parteisieb.de gab es viel positives Feedback, auch zu unserer Verbraucheraufklärung. Das wollten wir gerne weiterführen. Allerdings gibt es schon zahlreiche Landwirte, die ihre Zeit in die Aufklärung stecken – analog und digital.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie viele ihre doch so geringe Freizeit für den Berufsstand und die Aufklärung einsetzen. Dabei werden meist die immer gleichen Fragen gestellt, bzw. gängige Narrative / Fake News / Vorwürfe angeführt (Teller oder Trog, Landwirtschaft verschmutzt die Flüsse…). Und jedes Mal muss sich der betroffene Landwirt zeitintensiv rechtfertigen. Und selbst wenn man die Wahrheit spricht, wird es dann oft als „Agrar Lobbisten Meinung“ abgetan, und somit ist die ganze aufwändige Aufklärung diffamiert.

Hierbei wollen wir helfen. Wir wollen „Schützenhilfe“ für die Landwirte sein. Wir wollen die aktuellen, wichtigen, immer wiederkehrenden Themen aufarbeiten und den Landwirten an die Hand geben. Das bedeutet, wir befassen uns ergebnisoffen mit der aktuellen wissenschaftlichen Lage, der Forschung und den Studien sowie Paper zu einem bestimmten Thema. Dabei stützen wir uns immer auf mehrere Quellen, um die einzelnen Behauptungen solide und sachlich untermauern zu können. Wir analysieren die Quellen genau und arbeiten die Kernbotschaften, immer im Bezug zum Kontext, heraus. Diese bereiten wir dann in Form von Share Pics auf – um das Wissen schnell und breit unter den Landwirten verteilen zu Können. Denn je besser wir informiert sind, desto besser können wir argumentieren. Die Share Pics haben immer eine Quellenangabe und werden von einer ausführlicheren Bildbeschreibung (siehe Instagram) begleitet. Dort lassen sich dann nochmal die Quellen und der Kontext finden. Bei komplexeren Themen haben wir den „Background Check“ auf der Website eingeführt, welcher nochmal detailliert auf das jeweilige Thema eingeht.

Diese „Vorarbeit“ soll den Landwirten in der Argumentationsführung helfen. Indem sie selbst nicht mehr all diese Studien und diversen Quellen nachlesen müssen, sondern sich guten Gewissens auf unsere Informationen verlassen und diese auch gezielt weitergeben können. So muss sich auch nicht jeder Landwirt für sich die Mühe zur Ausarbeitung machen.

Was ist da zu finden?

Zum einen unsere frei verfügbaren Share Pics, zum anderen der Background Check (z.B. zu den Folgenabschätzungen des Green Deals/F2F). Zur „Schützenhilfe“ gehört für uns auch, den Landwirten eine Plattform zu bieten, das findet sich unter „Bauern klären auf“. Dabei prüfen wir die Aussagen genau und verweisen auch auf Quellen und Hintergründe. Wir wollen nicht einfach eine Einzelmeinung verbreiten sondern die aktuelle Lage der Landwirtschaft aus Sicht eines Landwirts aufzeigen. Wir haben auch sehenswerte Videos zu gängigen Themen wie „Warum macht ihr nicht alle Gemüsebau?“ oder „Klima Killer Kuh“ verlinkt.

Alles mit dem Hintergrund gemeinsam Wissen aufzubauen und einen Informationspool für Landwirte in der Verbraucheraufklärung zu bieten. Dabei achten wir sehr auf Sachlichkeit und wissenschaftliche Hintergründe. Es geht nicht darum, die eigene Sichtweise zu verteidigen sondern sich auf die Fakten zu besinnen und auf Grundlage dessen, wieder zurück zur zielführenden Debatte zu gelangen.

Wo seid ihr in den sozialen Medien aktiv? 

Bisher ist unser Hauptaugenmerk auf Instagram: www.instagram.com/acker.schwestern/

Dort finden sich alle Share Pics als Beiträge zu den aktuellen Themen. Ergänzt wird das ganze durch die Highlights in dem einzelne Themen und deren Fakten nochmal zusammengefasst sind. Zum Beispiel zum Thema „Höfesterben“, „Düngeverordnung“ oder „Klimakiller Kuh“ – diese Highlights werden auch ständig erweitert. Auch bei den Highlights ist unser Anspruch, dass sich hier nur Fakten und verlässliche Informationen wiederfinden, die man guten Gewissens teilen kann.

Seit kurzem findet man uns auch auf Twitter:

Twitter: https://twitter.com/AckerSchwestern


Die Gesellschaft erwartet zurzeit viel von der Landwirtschaft.
Was erwartet ihr von der Gesellschaft?

Franzi:

Ich wünsche mir wieder die Offenheit für den Dialog, und weniger gefühlsgetriebene Debatten. Landwirtschaft ist ein komplexes Gebiet, welches gerade für Außenstehende oft undurchsichtig ist, weshalb man auch leichter empfänglich für Fake News ist. Mein Wunsch wäre, dass wieder Fragen statt Forderungen gestellt werden. Dass die Gesellschaft sich wieder mit der heimischen Landwirtschaft und der Praxis auseinandersetzt, auf die Landwirte zugeht und den Wert der heimischen Landwirtschaft erkennt. Viele Verbraucher würden gerne direkt den Kurs der Landwirtschaft bestimmen, sind sich aber der Konsequenzen ihrer Forderungen nicht im Klaren. Um wirklich mitreden zu können muss man sich erstmal ernsthaft mit der Materie auseinandersetzen. Wenn wir das erreicht haben, ist der Dialog auf Augenhöhe möglich und wir können gemeinsam wunderbares bewirken, davon bin ich überzeugt.

Jessica:

Da wir alle Konsumenten/Verbraucher sind, betrifft das Thema Landwirtschaft und Ernährung uns alle. Daher wünsche ich mir, dass der Austausch aktiv stattfindet, die Gesellschaft den Erzeugern in einem gesunden Maße vertraut aber gerne auch hinterfragt und nachhakt und weniger stur urteilt. Mehr miteinander, statt gegeneinander. Wenn die Politik die Landwirte hängen lässt, dann darf es die Gesellschaft nicht auch noch.

Martina:

Ich würde mir wünschen, dass endlich einmal das Thema Lebensmittel und Lebensmittelversorgung von allen – denn jeder ist Verbraucher – ganz anders, und vorurteilsfrei aufgegriffen wird. Durch diese verschiedenen Hypes sind viele Menschen verunsichert vor lauter gut und schlecht. Wirkliches Wissen was wann warum woher kommt und wer es erzeugt, ist nur noch vereinzelt vorhanden. Es sollte bereits in Kindergarten und Schule ohne Wertung (leider oft der Lehrer) was nun gut oder böse ist, den Kindern erklärt werden, wie und durch wieviel Arbeit Essen entsteht, und wie wertvoll es ist.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans selten mehr – und leider wurde diese wichtige Lehre jahrzehntelang von allen und vor allem auch von der Politik vergessen.

Wenn aber die Lebensmittelerzeugung aus einem Land regelrecht verdrängt wird, ist es immer weniger in der Lage, seine Bevölkerung zu ernähren, was im Umkehrschluss bedeutet, es macht sich abhängig und damit auch erpressbar. Das wiederum finde ich nicht förderlich im Hinblick auf friedvolle Zustände.

Josephine:

Ich würde mir von der Gesellschaft wünschen, dass sie uns Landwirtinnen mehr Vertrauen schenkt. Oder zumindest mehr mit uns als über uns spricht. Die Aufgaben der Zukunft können wir nur gemeinsam bestreiten, und das geht auch nur, wenn Landwirtschaft wieder mehr in unsere Gesellschaft, in unsere Bildung und Politik auf faire Weise verankert wird. Zusammen mit denen, die Landwirtschaft seit Jahrhunderten praktizieren und am besten wissen, was sie tun.

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