„Wir brauchen vier Mal ein „D“ für die Schweinehaltung“


Die Situation in der Schweinehaltung, insbesondere der Ferkelerzeuger, ist derzeit kritisch. Agrarblogger „Bauer Willi“ sprach mit Schweine-Expertin Mirjam Lechner über die Perspektiven und Herausforderungen für die Tierhalter und welche Auswege es aus der Krise geben könnte. Das Interview ist auf seinem Blog als Video zu sehen, hier kann man das Gespräch aber auch nachlesen:


Bauer Willi: Hallo Leute, ich habe Mirjam Lechner bei mir. Ich war schon zweimal bei ihr, aber jetzt hat sie es tatsächlich geschafft, auch mal bei mir vorbeizukommen. Und wer Mirjam Lechner nicht kennt, dem stellt sie sich mal selber vor: Was machst du, wenn du mal nicht gerade im Rheinland bist?

Mirjam Lechner: Ich mache vor allem „Schweine-Seelsorge“, d.h. ich kümmere mich um Stoffwechsel- und Verhaltensstörungen, besuche Bauern und bin in der Forschung unterwegs. Mein Arbeitsplatz ist bei der UEG Hohenlohe-Franken.

Bauer Willi: Alles diskutiert über das Tierwohl-Label. Wie siehst du als „Schweine-Theologin“ dieses Thema?

Mirjam Lechner: Wenn es so wird, wie beim Privathof-Label, wo die Genetik mit einbezogen wurde, Platz, Gesundheit und Beschäftigungsmaterial, fände ich es gut.

Bauer Willi: Warum muss es überhaupt ein Label geben? Warum funktioniert Tierhaltung nicht ohne Label? Es gibt Bioschweine, es gibt konventionelle Schweine, warum muss man da überhaupt noch eine Unterscheidung in den unterschiedlichen Haltungsformen machen?

Mirjam Lechner: Das wird eine Zwischenstufe zwischen konventionell und „bio“. Bio kommt am Markt nicht an, weil der Preis zu hoch ist. Sie haben zwar noch Gewinne im Schweinebereich, sie bewegen sich aber immer noch im Marktanteil von zwei Prozent bezogen auf die Gesamtmenge, weil eben auch Futterkosten, Ackerbau alle mit akkumuliert werden.
Du hast gerade gesagt, ihr habt früher mal 50 Schweine gehalten, dann hat man gewusst, wer die hält und wie die leben, das schafft Vertrauen. Heute ist es anonym. Der Produzent ist nicht nah genug beim Konsumenten, und immer wenn Vertrauen geht, kommt Papier. Das ist ein Zertifikats-Ablasshandel.

Bauer Willi: „Wenn Vertrauen geht, kommt Papier“ – den Satz werde ich mir merken, denn es gibt ja so unendlich viele Labels und Audits. Bringt das für das Tier denn tatsächlich irgendwas?

Mirjam Lechner: Wenn die Gesundheitsparameter eingehalten werden, ja. Das, was wir momentan haben ist eine Verhandlung, der Glaube, man könnte über eine reine Haltungsbeschreibung sagen, „Den Tieren geht es besser“. Das ist wie wenn sage, „ich sehe diese Haus sehe, da sind glückliche Kinder drinnen. Da sagt jeder – hm, weiß nicht. Sondern es geht tatsächlich darum, was kommt herum für das Lebewesen. Und da sehen, wir dass die Unterschiede zwischen den Betriebsleitern größer sind als zwischen den Haltungssystemen. Der Betriebsleiter-Effekt ist in allen Studien – egal ob Bio-Kühe, konventionelle Kühe – größer. Es kommt auf den Betriebsleiter an.

Bauer Willi: Das würde ja bedeuten, wenn ich zwei Landwirte mit dem gleichen Label habe, wo ein Auditor feststellt auf dem Papier ist bei beiden das gleiche Haltungssystem, dann kann es trotzdem große Unterschiede bei den Tieren geben. Ist es daher nicht eher ein Audit des Menschen als des Stalles?

Mirjam Lechner: Es ist natürlich leichter Ressourcen zu messen und Stallhöhen und welches Futter ich einsetze als zu sagen: Output-orientiert: Was kommt dabei herum? Sind die tatsächlich gesünder? Und deswegen stellen sich momentan auch ganz viele aus der Veterinärmedizin gegen diese Labels auf, weil sie sagen, „Leute, alles probiert, diese Feigenblattgeschichte, dass der LEH sich da ein paar Labels rein pflegt und wieder die Schnäppchenangebote fährt, funktioniert ja nicht.

Bauer Willi: Wir kommt man dann an die Menschen ran? Die Menschen müssen ja im Prinzip dafür sorgen, dass das Tierwohl auch tatsächlich existiert. Was siehst du in der Praxis? Ist es so, dass die Tierhaltung überwiegend in Ordnung ist, oder es wird ja immer wieder gesagt, es sind ja nur ein paar schwarze Schafe – sind es wirklich nur ein paar schwarze Schafe? Oder stößt unsere „Tierhaltung in großen Zahlen“ irgendwo an Grenzen?

Mirjam Lechner: Ich denke, dass die Leistungssteigerung an ihre Grenzen gekommen ist. Wir können die Systeme nicht mehr effizienter machen und wir können auch von den Menschen, die in den Ställen arbeiten, nicht noch mehr verlangen, dass sie noch mehr Tiere auf einem höheren Level versorgen. Das heißt, wir brauchen einen Benchmarkwechsel von Leistung zu Heil. Der muss im Markt ankommen und bewertet werden. Tierschutz als Bezahl-Faktor haben wir momentan noch nicht. Das verursacht, dass Betriebe, die eine bessere Tiergesundheit gewährleisten, am Markt mit denen konkurrieren, das ist unfair, die eine schlechtere Tiergesundheit abgeben, aber sagen können, ich habe dieselbe Leistung, Tageszunahme und Magerfleisch. Und diese unfaire Bewertung korrigiert das System nach unten. Wenn wir den Drive in die andere Richtung haben wollen, müssen wir Tiergesundheit als Tierschutzwert auch einpreisen in den Bezahlmasken für die Landwirte. Und dann dreht man endlich mal den Kopf und nicht die Füße: Man braucht nicht immer vorschreiben, wie viele Zentimeter Fensterfläche und alles, sondern man muss den Kopf drehen und sagen, dahin muss die Tiergesundheit, dann kriegen das die Landwirte auch hin, nicht in der unfairen Konkurrenz, dass wir einen Teil von Schäden an der Tiergesundheit mit in Kauf nehmen.

Bauer Willi: Jetzt aber die entscheidende Frage: Mehr Tierwohl muss dann aber auch mehr kosten? Mehr Platz, mehr Futter, mehr Betreuung? Muss man dann einen Personalschlüssel für ein Schwein einführen, dass man sagt, eine Person darf nur so und so viele Schweine betreuen? Wie bekommt man die Kosten dann gedeckt? Welche Rolle spielt der LEH, die Rewes, die Edekas, die Aldis, und all diese Lidls dieser Welt? Und wie bekommt man den Konsumenten dazu, dass er nicht nur in der Umfrage sagt, „ich würde ja gerne besseres Fleisch kaufen, es dann aber in der Realität dann doch nicht macht? Du sagtest ja schon Biofleisch ist nach wie vor eine Nische. Ich habe einen Prospekt von Carrefour gesehen, da gab es in diesem Prospekt nur ein einziges Huhn, das kostete 5,99 € pro Kilo! Bei 2.400 Gramm Gewicht kostet das Huhn also 15 €. Wenn man in ein deutsches Prospekt schaut, sieht man nichts anderes als Sonderangebote, und da kostet ein Huhn zwischen 3 und 5 €. Warum funktioniert das, was in Frankreich ganz offensichtlich funktioniert, wenn eine große Handelsmarke wie Carrefour ein Huhn um die 15 € anbietet, warum funktioniert das nicht in Deutschland? Warum wird diese Diskussion immer unendlich geführt, dass man sagt, wir brauchen mehr Tierwohl, weg mit der Massentierhaltung, aber am Point-of-Sale bleibt das billige Fleisch.

Mirjam Lechner: Zum Thema Befragung: „wir brauchen mehr Tierwohl“. Wir in der Beratung sagen, wir brauchen mehr Tierschutz – Tierwohl ist eine sehr hohe Karotte – dazu hat Herr Dürnberger vom Messerli-Institut in einem Tierhaltungs- Vortrag beschrieben, dass er von Verbraucherumfragen nichts anderes hält als dass moralische Schizophrenie empirisch abgebildet wird.

Bauer Willi: – Jetzt rollen sich einem Schweinehalter die Fußnägel hoch –

Mirjam Lechner: Das heißt nichts anderes als „citizen consumer gap“, d.h. was man in einer Befragung als „Gutmensch“ so sagt, „Ich bin für mehr Tierschutz“, kommt nicht hinten bei der rechten Hosentasche, beim Bezahlen an der Kasse an. Das ist nichts Ungewöhnliches und wenn man in die Neurologie schaut, dann ist nachgewiesen, dass Schnäppchen das Belohnungszentrum triggern. Und das ist jetzt doof. Das Belohnungszentrum des Menschen besteht aus zwei Hormonen wie beim Tier auch: Serotonin und Dopamin. Gerade Sexualität und Nahrungsaufnahme sind extrem gekoppelt mit Belohnungssystemen.
Die Franzosen haben das ganz gut hinbekommen und essen „Wertigkeit“. Das kennt man vom Haarspray Taft und „weil ich es mir wert bin“. Da werden Summen ausgegeben für Kosmetik, d.h. ich werte mich durch diese Produkte und deren Preise selbst auf.
In Deutschland ist es anders herum konditioniert, das Thema „Geiz ist geil“, die Schnäppchenmentalität ist eingepflanzt, d.h. dass man sagt, „ja, der Sprit ist ja so teuer, aber da hab ich an der Tankstelle für so und so viel getankt“. Das sind Suchtsysteme! Die Flyer, die Werbezettel des LEH sind nichts anderes als das Füttern eines Suchtsystems. In dem Moment, wo man das Sonderangebot mit dem Schnäppchen im Belohnungszentrum dauernd auslegt, kann man nicht erwarten, dass man – wie es die Mineralölindustrie geschafft hat – sukzessive die Preise anheben kann und zwar gleichmäßig. Der Körper gleicht Sonderangebote ständig ab: Preisanker. D.h. hast du mal ein Schnäppchen Diesel getankt für 89 Cent kommt dir 1,24 € total teuer vor. Ich, die gestern auf der Autobahn für 1,42 € tanken musste, finde 1,24 € dann wieder relativ entspannt. Solange die Sonderangebote unseren Preisanker immer weiter nach unten ankern und dabei den Kunden suggerieren, wir könnten für dieses Geld Tiere gut halten – was nicht geht, es geht einfach nicht – haben wir ein Kehrumsystem. Das werde ich auch diese Tage noch auf einem Vortrag sagen, das ist so schizophren und ich traue dem LEH auch nicht, der sagt „ja, wir haben ja Tierwohlprodukte gelabelt, aber der kauft sie nicht. Ja, da sage ich, das ist wie bei der katholischen Kirche, da sagt man auch: Du darfst keine sündigen Gedanken haben, schaut zum Himmel und oben hängen diese nackten Engel herum. Das geht nicht! Das passt nicht zusammen!
Die Holländer haben es geschafft, das Preisniveau und auch die Label in den Markt zu bekommen, und zwar wie? Die Tierschützer haben sich mit den Landwirten zusammengetan und sind nicht in die Ställe eingebrochen und haben Druck gemacht, sondern sie haben Zettel genommen, sind durch den Läden gelaufen und haben auf den Quadratmeter gerechnet, wie viele gute Produkte hast du und wie viele Sonderangebote. Das haben sie an einer öffentlichen „Schandmauer“ im Internet veröffentlicht. Und keiner vom LEH will am untersten Ende der Priorisierung stehen, dass er am wenigsten für Tierwohl macht und die meisten Sonderangebote fährt. Und binnen zwei Jahren hatten sie den Anteil gleichmäßig angehoben. Wir müssen, um diesen Tierschutz erstmal nach oben bekommen, dieses Schnäppchensucht-Thema löschen. Tierschutz gibt es nicht im Sonderangebot. Und dann bekommen wir eine Basis.

Bauer Willi: Also Zusammenarbeit zwischen Tierschützern und Landwirten, was ja heute eine unglaubliche Front ist. Man braucht ja nur die topagrar zu lesen, da wird in regelmäßigen Abständen darüber berichtet, dass alles ganz schlimm ist und dass die Landwirte sich ständig angegriffen fühlen. Was ich im Prinzip aber nicht so sehe. Ich unterhalte mich auch mit Tierschützern und anderen. Klar hat man unterschiedliche Zielsetzungen, der Landwirt will ja Geld verdienen, aber dass bestimmte Haltungsformen ja auch manch einem Landwirt nicht so wahnsinnig gut gefallen ist auch fakt. Von daher könnte es doch auch ein vernünftiges Zusammengehen und Zusammenleben zwischen Tierschutz und Landwirtschaft geben.

Mirjam Lechner: Ja, das haben wir schon, dass wir mit Tierschutzverbänden zusammenarbeiten, dass Austausch da ist, dass wir ehrlich drüber reden müssen. Es hat zwei Voraussetzungen: Das erste: Nicht mit Tierrechtlern, die sich an kein Recht und Gesetz halten, die in Ställe einsteigen, die Landwirte bedrohen, verleumden, nur um ihre vegane Mission durchzusetzen. Das zweite ist, dass wir eine neue Ehrlichkeit brauchen, über Probleme reden zu dürfen. D.h. wenn wir wie in meinem Bereich Schwanz-, Ohrenbeißen, Ohrnekrosen, Lahmheiten haben, dann müssen wir auch mal zähneknirschend sagen „Ja, wir haben Hausaufgaben, ja, wir wollen uns drum kümmern, wie kann das gehen?“ Und eines bekomme ich immer wieder mit: Wir haben eine Reihe von Landwirten, die gerne auch anders produzieren würden, Kernthema mehr Platz (am teuersten), Kernthema mehr Rauhfutter, und sie suchen dringend den Markt, z.B. im Privathofbereich von Wiesenhof, die die guten Hähnchen machen, wo übrigens ganze Hähnchen weniger kosten als eine Schachtel Zigaretten. Hier stehen die Betriebe in Warteschlange, warten darauf, dass sie umstellen dürfen in das System, da der Markt wächst.
Jetzt steigt Aldi auch mit ein in das Tierwohl-Hähnchen, aber Aldi nennt das „fair & gut“, weißt du auch warum er das nicht „Privathof nennt?

Bauer Willi: Nein.

Mirjam Lechner: Damit die Lieferanten austauschbar bleiben. Lidl bekennt sich zu der Firma, die das Label entwickelt hat, mit den bäuerlichen Betrieben hauptsächlich aus Bayern, die auch wachsen wollen. Aldi sagt, „Also ich gehe damit rein, aber wenn die mir nicht mehr passen, dann nehme ich das Konzept, habe die Marke eingeführt, unterfüttere das auch mit Substanz dahinter, aber dann tausche ich die Bauern wieder aus, wenn mir der Preis nicht gefällt.“ Und das ist diese Unverbindlichkeit des Handels, die uns Zukunft und Investitionen immer schwer macht!

Bauer Willi: Das sind wir uns einer Meinung, dass der LEH eine ganz entscheidende Rolle zu spielen hat, damit auch der Konsument, der in den Laden geht, die wenigen Cent, die es kostet, auch ausgibt. Das würde er auch tun, wenn er faktisch keine andere Wahl mehr hat.
Du warst gestern Nachmittag auf einem Strohschweinebetrieb und hast da Gabriele Mörixmann getroffen, die auch mit Stroh arbeitet. Dann gibt es auch Jens van Bebber, der auch Strohschweine hat. Wie sieht der Markt dafür aus, funktioniert das?

Mirjam Lechner: Das funktioniert nur mit einem überdurchschnittlichen Engagement. D.h. sie müssen unglaublich viel in Marketing stecken, sie müssen unglaublich viel Erfahrungen sammeln, sie agieren in einem Marktkonstrukt, das sie wieder an bestimmte Vermarktungspartner bindet. Falls der Vermarktungspartner nicht mehr möchte, dann kann man nicht eben mal woanders hingehen, weil man hat auch ein anderes Kostenniveau. Der Markt wächst momentan vorsichtig, aber wir haben ein ganz anderes Problem: Wenn man Tiere outdoor mit Klimareiz alternativ und robust halten will, brauchen wir auch robuste Rassen. Robuste Rassen bedingen, dass die Tiere ein Schutzsystem haben, eine gewisse Fettschicht für Thermoregulation, Frost, sie brauchen eine Hautpigmentierung gegen Sonnenbrand und sie brauchen ein Haarkleid gegen Wind und Regen.

Bauer Willi: Sind das dann Freilandschweine?

Mirjam Lechner: Das sind Pigport-Schweine, die Auslauf haben, aber die kommen mit einem Temperaturwechsel klar wie Kinder, die nackt sind, sprich gar nicht. Domestizierte Schweine sind nackt wie wir. Wenn sie wieder draußen leben sollten, brauchen sie ein System wie ein Wildschwein, damit sie den Witterungen auch gewappnet sind. Es sind aber auch keine Neandertaler mehr. Deswegen müssten auch die Konsumenten mitziehen und nicht mehr nur dieses hochmagere Fleisch verlangen, das uns dann Probleme macht. Dann müssen wir wieder mehr Rassen haben wie Jens von Bebber mit den bunten Bentheimern. Wir müssen wieder zu Rassen wechseln können und das geht nicht nur über den Geldbeutel, sondern über den Fettanteil.

Bauer Willi: Fett ist ja Geschmacksträger, aber jetzt sagt die Kundin im Laden „Können Sie mir das Fett bitte abschneiden?“

Mirjam Lechner: Nicht nur abschneiden, sondern: Sie wählt es gar nicht aus. Sie sagt „Iihh, da ist zu viel Fett dran, wo man jetzt in der Ernährungswissenschaft weiß, es sind eigentlich mehr die Kohlenhydrate, die Probleme machen. Und es gibt Fälle, dass junge Kunden beim Kotelett sagen: „Iihh, da ist ja noch Knochen dran.“ Wir haben einen unglaublichen Edelteil-Hype. Und weil diese irre Lehre unterwegs ist „nur der Sonntagsbraten“: – Ja da hat man montags die Ohren ausgekocht, am Dienstag gab es die Sülze, am Mittwoch ist „durch Sauerkraut das Schwein gelaufen“, sprich da wurde die Schwarte und der Bauchspeck mit verwendet. Nur weil man heute weniger isst und nur die Edelteile, müssen genauso viele Tiere geschlachtet werden. Momentan essen wir nur noch 40-50 Prozent vom Schwein in Deutschland und den Rest, wie Innereien, Knochen, Abschnitte, fetteres Fleisch ging früher nach Russland. Wir sind hochselektive Esser geworden und das ist ein Riesenproblem für die Vermarktung. Auch für Bio und die alternativen Waren.

Bauer Willi: Ich hab noch zwei Fragen: Wie ist die Rolle der Politik bei der ganzen Geschichte? Hat die Politik da überhaupt Einfluss, kann sie tatsächlich was ausrichten? Kann die Politik da wirklich was ausrichten?

Mirjam Lechner: Ja, wir brauchen eine Politik, die Verantwortung übernimmt, eine Kennzeichnung des Fleisches nach Herkunft. Es kann nicht sein, dass wir sagen, wir machen uns auf den Weg, wir gehen in die Vorleistungen, Landwirte investieren, mit der Beratung, schnüren unser Paket und sagen, hier, wir wollen tatsächlich dieses Niveau heben. Und dann nicht gekennzeichnet? Die Wurstvermarkter kaufen nach Tages-Spotpreisen, Fleisch aus Brasilien, Spanien oder China zu, auch z.B. Enten kommen meist aus China mit einem überhaupt nicht existenten Tierschutz-Niveau. Und diesen Schutz brauchen wir um zu sagen: Kennzeichnung 4D, wo kommt es her? Damit wir eine Kundenbindung bekommen auch über den LEH an den Produzenten, denn der investiert voraus für 20 Jahre und packt dann 500.000 €, ein, zwei Millionen an, dafür dass er dann ausgetauscht wird, weil gerade mal in Brasilien das Putenfleisch billig ist? Das kann nicht sein!

Bauer Willi: Nun haben wir ja hier im Rheinland eine Kennzeichnung, die heißt „Rheinischer Sauerbraten“… Nein im Ernst: Wie weit muss die Kennzeichnung gehen, wenn da 4D draufsteht, ist das eine Gewähr dafür, dass das Fleisch anders, besser oder sonst wie ist? Oder wie weit muss das gehen, Beispiel Schwarzwälder Schinken, der nur im Schwarzwald im Rauch gehangen hat, aber der Schinken ganz woanders herkommt. Wie muss das gekennzeichnet sein, dass der Verbraucher das auch wirklich wieder glaubt, weil es ja mittlerweile immer mehr gibt, die sagen „Ich glaube da nichts mehr von dem, was auf dem Label drauf steht.“

Mirjam Lechner: Es muss runter bis 4D, wir haben die Krise der Ferkelerzeugung, die steht vor der Herausforderung der Kastration 2019. Wir stehen vor der Herausforderung Ringelschwanz & Co., von Auflagen, die bei uns umgesetzt werden mit Timeline – aber in den anderen europäischen Ländern nicht. Wir haben jetzt schon ein Plus von 13 Millionen, steigende Ferkelimporte aus anderen Ländern, die sagen „Macht mal, ihr dämlichen Deutschen, ihr könnt ja von uns die billigen Ferkel haben.“ Unsere eigene Erzeugung steht vollkommen mit dem Rücken zur Wand! Und erst wenn man die Bindung über 4D macht, runter bis zu geboren, aufgezogen, gemästet und geschlachtet in Deutschland – erst dann bekommen wir eine Verbindlichkeit, eine Glaubwürdigkeit und Boden unter die Füße. Der Rest ist nämlich nur wieder „gemästet, geschlachtet“.
Das was wir brauchen und uns auch die Geflügel-Leute uns vorgemacht haben: Die Geflügelbranche hat „5D“. 5D heißt, auch die Elterntiere stehen hier, wir haben auch die Zucht in den Händen. Und nur, wenn wir auch in der Zucht von dem Leistungsniveau einen Tacken runternehmen, mehr in die Gesundheitsparameter gehen, dann bekommen wir auch Substanz drunter, dass wir sagen, ein Label wird glaubwürdig.
Das haben wir bisher – und leider auch im Biobereich – nicht.

Bauer Willi: Letzte Frage: Essen wir in 20 Jahren überhaupt noch Fleisch vom Tier? Stichwort: Laborfleisch, oder dass die Leute sagen, ja Fleisch esse ich gerne, aber ich möchte nicht, dass dafür ein Tier getötet wird. Also der moralisch-ethische Aspekt verbunden mit einer technischen Herstellung von Fleischfasern, die kein Tier mehr benötigen und wo auch andere Probleme, wie Gülle nicht mehr anfallen. Vor zehn Jahren hat jeder noch mit einem alten Handy-Knochen telefoniert, heute hat 40 Prozent der Weltbevölkerung ein Smartphone. Kann das beim Fleischkonsum auch so schnell gehen?

Mirjam Lechner: Das ist eine Glaskugel-Frage zu einer „interruptive technology“, das ist heiß, ich denke, wir haben drei Gruppen: Wir haben eine Gruppe von Leuten, die nach Europa kommen, denen Tierschutz relativ egal ist und deswegen steigen unsere Verbräuche von Rind- und Geflügelfleisch im Moment an. Das sind muslimische Gruppen, das ist deutlich bekannt, dass es da keine Präferenzen für Labelprodukte im Tierschutz gibt. Das wissen wir auch, die Produktion von Geflügel fährt momentan in Arabien hoch ohne Ende. Dann haben wir Gruppen, die sagen „lieber clean meat“ und ich bin aus der moralischen Verantwortung draußen, und sie essen dann so ein Hack, was mit Häm angefärbt ist und sieht aus wie ein Burger. Wir werden auch eine dritte Gruppe haben und die ist viel interessanter: Unter welchen Bedingungen werden wir Tiere halten, für einen Kunden, der sagt: Ja, ich möchte tatsächlich noch tierisches Fleisch von lebenden Tieren, die geschlachtet werden, essen. D.h. für diese zählt die Natürlichkeit mehr als das clean meat als moralischer Gedanke, aber wenn die diesen natürlichen Gedanken ziehen werden, müssen die Tiere aber natürlicher gehalten werden müssen.

Bauer Willi: Aber das dann zu ganz anderen Preisen, das ist dann 5 Sterne-Fleisch?

Mirjam Lechner: Das heißt dann: Natürliche Bedingungen, eben Wildfleisch oder aus Gehegen oder besonders artgerechte, die dann sagen, okay, dann muss da auch Substanz dahinter, da darf das aber auch nicht zu intensiv sein, da muss der natürliche Faktor zählen.
Diese drei Gruppen sehe ich in Zukunft.

Bauer Willi: Wir könnten uns noch stundenlang unterhalten, aber das machen wir jetzt nicht, ihr hört gerade die Glocken läuten, es ist 12 Uhr, meine Frau hat gekocht, es gibt Putengeschnetzeltes. Es war ein super interessantes Gespräch, ich bedanke mich ganz herzlich. Du musst unbedingt wieder kommen, damit wir das Gespräch fortsetzen können. Und bis dahin macht’s gut,
Euer Bauer Willi und Mirjam Lechner.

Weiterführende Links:

Schlachtbefundvergleich bei Mastschweinen aus konventioneller Haltung, konventioneller Haltung mit Auslauf und Öko-Outdoorhaltung
Lesions found at routine meat inspection on finishing pigs are associated with production system
https://pure.au.dk/ws/files/116052601/Kongsted_and_Soerensen_2017.pdf

Stellungnahme veterinärmedizinischer Wissenschaftler zur aktuellen Labeldiskussion
„Tierärztliche Kompetenz   und Zielorientierung erforderlich! Die aktuelle Tierschutzdebatte ist der Komplexität nicht angemessen“
https://www.deutsches-tieraerzteblatt.de/fileadmin/resources/Bilder/DTBL_11_2017/PDFs/Forum_Tieraerztliche_Kompetenz.pdf

https://www.clkgmbh.de/index.php/de/tierqualitaet-beim-schwein/

https://www.thuenen.de/media/institute/ol/Arbeitsgebiete/Schweinehaltung_FW/Downloads/bioland-lbs-ibm_091203.pdf

https://www.viehhandel-schweiz.ch/fileadmin/files/News/Tierschutzindikatoren_Schwein_08_2017.pdf

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