Keine Privatsphäre für Kühe


Um die Privatsphäre der Milchkuh steht es schlecht. Während wir Menschen unsere Körper erst seit wenigen Jahren mit Hilfe von Smartphones und Smartwatches beobachten und analysieren können, ist das bei Kühen schon seit 20-30 Jahren normal. Solltet Ihr mal die Gelegenheit haben und einen Milchviehstall besuchen, werdet Ihr das sehen: die Kühe tragen alle Halsbänder, an denen sogenannte Transponder befestigt sind – das ist der digitale Personal-Ausweis der Kuh, den sie braucht, um sich ihre Portion Kraftfutter zu holen.

Die Transponder fungieren aber nicht nur als Eintrittskarte. Es gibt Systeme, die die Tiere permanent beobachten und Bewegungsdaten sammeln. Je mehr Daten über jedes einzelne Tier gesammelt werden, desto früher kann der Landwirt Unregelmäßigkeiten erkennen. Bewegt sich eine Kuh deutlich weniger als sonst, kann das zum Beispiel ein Hinweis auf Klauen-Probleme sein. Dann muss der Klauenpfleger mal wieder vorbeischauen. Ist es etwas Ernsteres, kommt natürlich der Tierarzt. Auf diese Weise lässt sich aber auch die Paarungsbereitschaft der Kühe frühzeitig erkennen – durch eine erhöhte Aktivität des Tieres. Das Sammeln der Bewegungsdaten unterstützt den Landwirt also bei der frühzeitigen Entdeckung, ersetzt aber keine echte Tierbeobachtung wie im Merkblatt „Das Tier im Blick – Milchkühe“ beschrieben.

2013 wurde ich plötzlich hellhörig. Da wurde der Ig-Nobelpreis an Wissenschaftler vergeben, die sich dem Liege- sowie Steh-Verhalten von Rindern widmeten. Die Wissenschaftler vom Scottish Agricultural College in Edinburgh (UK) haben sich folgender Frage gewidmet: Are cows more likely to lie down the longer they stand? Das herausfinden zu wollen, klingt erstmal schräg. Daher gab es wohl auch nur den Ig-Nobelpreis statt des prestige-trächtigeren Pendants.

Dabei ist der größere Zusammenhang alles andere als schräg. Der Strukturwandel schreitet weiter voran. Betriebe verschwinden, weil der Nachwuchs fehlt oder wahlweise in die Stadt zieht, andere Betriebe müssen die Stalltüren schließen, weil Auflagen nicht mehr zu erfüllen sind oder das Wirtschaften schlicht nicht mehr lohnt, während wiederum bestehende Betriebe expandieren. Um letztere soll es hier gehen.

Precision Dairy Management – wilde Datensammelei zum Besten der Kuh

Dr. Jeffrey Bewley ist Wissenschaftler an der University of Kentucky und lehrt dort am College of Agriculture, Food and Environment. Kürzlich fand ich einen längeren Artikel von ihm über Precision Dairy Management – heißt übersetzt: wilde Datensammelei zum Besten der Kuh. Wie gesagt: ist alles nicht neu. Allerdings könnte sich die Intensität der Nutzung deutlich erhöhen, wenn sich der Strukturwandel wie gewohnt fortsetzt.

Als US-Amerikaner hat Bewley sicherlich eine etwas pragmatischere Sicht auf die Dinge. In seiner Heimat setzen viele Landwirte auf Aushilfen, die dann zum Beispiel im Melkstand arbeiten. Neben der Arbeit des Melkens gehört natürlich auch die Beobachtung der Tiere dazu. Auffälligkeiten wie Verletzungen oder die Tatsache, dass eine sonst eher selbstbewusste Kuh plötzlich ganz hinten in der Schlange steht, geben Grund zur Sorge. Leider gibt es immer weniger fähige Mitarbeiter und Aushilfen in den USA, weshalb sich seit einiger Zeit in den US-Fachmedien Berichte über Melkroboter häufen. Ohne diese Roboter hätten einige Betriebe die Stalltüren schließen müssen oder die Landwirte hätten ihr Leben im Melkstand verbracht.

Selbst jene Aushilfen, die es noch gibt, sind nicht unbedingt auf landwirtschaftlichen Betrieben mit Kühen aufgewachsen. Genau deshalb sieht Bewley steigendes Potenzial für die „präzise Milchviehhaltung“, aber – wie gesagt – nicht als Ersatz für eine fundierte Tierbeobachtung, sondern als Unterstützung, schließlich sind gesammelte Daten zwar unheimlich nützlich, aber am Ende braucht es immer noch Menschen, die diese interpretieren und – wenn nötig – Maßnahmen ergreifen, um ein Problem zu beheben. Dazu gehören Tierärzte, Klauenpfleger, Futtermittel-Experten und – ganz wichtig – die Landwirte. Es muss ja auch gar kein Problem vorliegen, wenn die Daten eines Tieres Abweichungen signalisieren. Es ist beispielsweise völlig normal, dass die Milchleistung im Sommer sinkt, wenn die Temperaturen hoch sind. Eine Holstein-Kuh fühlt sich in einem Temperaturbereich zwischen 6 und 16 Grad wohl. Alles darüber ist für diese Tiere nicht ideal. So etwas muss man bei der Interpretation von Daten wissen – und Kuhduschen zur Abkühlung installieren 😉

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe. Alle Infos dazu findet Ihr hier.


Anmerkungen

  • Wichtig: der Ig-Nobelpreis nicht zu verwechseln mit dem echten Nobelpreis. Auf Wikipedia können wir nachlesen, dass dieser Preis an wissenschaftlich erlangte Erkenntnisse verliehen wird, die uns erst zum Lachen und dann zu Nachdenken anregen sollen. Gleichzeitig gilt der Ig-Nobelpreis auch als satirischer Preis.
  • Das Paper: Are cows more likely to lie down the longer they stand? Die Autoren: BJ Tolkamp, M J Haskell, C A Morgan und S P Turner vom Scottish Agricultural College, Edinburgh, United Kingdom
  • Jeffrey Bewley über Precision Dairy Farming

2 Gedanken zu „Keine Privatsphäre für Kühe

  1. Pingback: [Agrar-Blogger] Keine Privatsphäre für Kühe

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