Mensch und Kuh – eine gute Beziehung


Foto: DLG

Das DLG-Merkblatt 381 „Das Tier im Blick“ mit dem Fokus auf Milchkühe ist ein Leitfaden, mit dessen Hilfe und einer präzisen Tierbeobachtung Tierhalter herausfinden können, ob ihre Tiere mit den Gegebenheiten ihres Umfeldes zurechtkommen. Natürlich definiert sich eine tiergerechte Tierhaltung am Tier. Milchkühe brauchen weiche Liegeflächen, auf denen sie sich gerne ausruhen und entspannt wiederkäuen können. Sie brauchen nicht nur hochwertiges Futter, sondern auch Rationen, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind. Bei all diesen stallbaulichen Faktoren und Aspekten der täglichen Routine bei der Versorgung sollten aber nicht die Tierhalter selbst vergessen werden. Schließlich kommt ihnen die Aufgabe des Beobachtens und Erkennens von Problemen zu.

Grundsätzlich lässt es sich nicht völlig vermeiden, dass Tiere krank werden oder Probleme haben. Finde ich zum Beispiel mehrere Kühe mit geschwollenen Gelenken oder Hautabschürfungen, gibt es vielleicht ein Problem mit der Ausgestaltung der Liegeflächen. Anderes Beispiel: frische Luft ist wichtig, bei Zugluft können Tiere aber erkranken. Joep Driessen, Tierarzt und Milchvieh-Berater (Cow Signals) aus Holland hat dazu für Milchkühe folgende Aufstellung gemacht:

  • Jede kranke Kuh kostet durchschnittlich 300 Euro. Und bringt eine Menge Ärger mit sich…
  • …schließlich können kranke Tiere nicht gemolken werden. Es müssen dann andere Kühe her – zB. neue Färsen (das sind weibliche Kälber, die aufgezogen und dann in die Herde integriert werden).
  • Milchkühe produzieren in späteren Laktationen mehr Milch – allerdings ohne deutlich mehr Futter zu benötigen. Es ist also schlicht wirtschaftlich, wenn eine Kuh möglichst lange im Betrieb bleibt. Stirbt eine Kuh krankheitsbedingt vorher, ist das in jeder Hinsicht teuer.

Eine gute Tierbeobachtung ist daher wichtig, um derlei Probleme schnell zu erkennen und behandeln zu können. Damit diese aber auch funktionieren kann, braucht es zwischen Tieren und Tierhaltern ein vertrautes Verhältnis. Kühe sind Fluchttiere. Sehen sie in einem Tierhalter eine Gefahr oder haben Angst vor ihm, verhalten sie sich anders. Schlimmstenfalls unterdrücken sie erste Anzeichen von Schmerzen solange, bis es nicht mehr geht. Das ist schlimm für das Tier – und teuer für jene, die sich um die Tiere kümmern.

In der wissenschaftlichen Literatur gibt es eine ganze Reihe von Untersuchungen zum Einfluss der Persönlichkeit des Tierhalters auf seine Kühe. Martin F. Seabrook hat bereits in den 1970er Jahren einige Milchvieh-Betriebe, die unter vergleichbaren Umständen gewirtschaftet haben, untersucht. Gemessen wurde dabei die Milchleistung, die die Kühe aus einer gegebenen Menge Futter produziert haben. Seinen Forschungen zufolge waren dabei jene Tiere am effizientesten, deren Tierhalter introvertierte Menschen waren. Kühe mögen also keine lauten Partylöwen. Solltet Ihr auf der Suche nach Menschen sein, die Eure Tiere betreuen oder melken, solltet Ihr das beachten.

Verlassen wir mal kurz die Milchkühe, um die Wichtigkeit einer guten Tierbeobachtung noch weiter zu illustrieren. In den USA gibt es sogenannte Feedlots. Hier werden Fleischrinder, nachdem sie die ersten 18 Monate ihres Lebens auf den Weiden der Ranches verbracht haben, nochmal 3 bis 6 Monate mit Getreide-Rationen gemästet. In diesen Feedlots arbeiten „pen rider“, also Stall-Reiter, deren einzige Aufgabe in der Beobachtung der Tiere besteht. Entdecken sie kranke Tiere, alarmieren sie die Tierärzte. Das möglichst frühzeitige Entdecken kranker Tiere kann aber nur funktionieren, wenn sich die Tiere möglichst schnell an die Anwesenheit der pen rider gewöhnen und diese auch nicht fürchten. Die pen rider müssen in ihrem Job richtig gut sein, also eine Menge über das Verhalten von Rindern wissen und anwenden können, damit sie ihre Aufgabe erfüllen können und es den Tieren auch wirklich gut geht.

Neben den langfristigen Vorteilen eines stress-freien Umgangs mit den Tieren, gibt es aber auch sehr gute Gründe für den Alltag. Tiere, die in Panik geraten, achten nicht mehr auf ihr Umfeld. Die wollen nur noch weg. Egal wie. Schlimmstenfalls können die Tiere im Stall nicht nur sich, sondern auch die Tierhalter verletzen. Selbst, wenn wir mal annehmen, dass die Tiere „lediglich“ eine Panik-Attacke bekommen haben, dauert es eine halbe Stunde bis sie wieder zugänglich und entspannt sind.

Die Art und Weise des stress-freien Umgangs mit Tieren nennt sich Stockmanship. Als ich mich zum ersten Mal darüber informierte, lernte ich sehr viel über Rinder als Fluchttiere, die uns Menschen genau beobachten. Ich lernte, dass Kühe gerne jene Menschen sehen, die mit ihnen arbeiten und wie ich mich am besten bewege, ohne die Tiere zu stressen. Und ich lernte, dass Weiterbildung und Kompetenz der Tierhalter wichtig seien. Allerdings wäre es etwas kurz gedacht, wenn wir uns beim Stockmanship auf die Tiere beschränkten. Paul H. Hemsworth, Wissenschaftler am Animal Welfare Science Centre der University of Melbourne, beschreibt Stockmanship in seinem frei verfügbaren Essay Ethical Stockmanship and management of animals (PDF) als die Fähigkeit des betreuenden Menschen, sich mit Fokus auf Tierwohl und Leistung um die Tiere zu kümmern.

Hemsworth hat zu dem Thema Mensch-Tier-Interaktionen nicht nur mehrere Studien verfasst, sondern auch ein ganzes Buch geschrieben – in Zusammenarbeit mit Grahame Coleman, der am gleichen Institut arbeitet. In ihren Forschungen greifen sie jene Perspektive auf, die schon Martin F. Seabrook verfolgt hat. Ihnen geht es um die Haltung – nicht die Tierhaltung, sondern die Art und Weise wie Tierhalter ihren Tieren gegenübertreten. Natürlich ist es wichtig und hilfreich zu wissen wie eine Kuh denkt, wenn ich mich um sie kümmere. Kompetent zu sein hilft mir aber null, wenn ich keinen Bock auf den Job habe. Wenn ich selbst unzufrieden und frustriert bin, ist es unwahrscheinlich, dass ich die Tiere vernünftig beobachte, um Probleme auszumachen. Ich bin dann einfach nicht bei der Sache. Über die Gründe, weshalb auch Bauern an Burn out leiden können, schrieb ich schon im März letzten Jahres einen Artikel für dieses Blog.

Eine präzise Tierbeobachtung ist extrem wichtig. Sie stellt nicht nur sicher, dass kranke Tiere schnellstmöglich erkannt und behandelt werden können, sie ist aus dem selben Grund auch ökonomisch sinnvoll. Funktionieren kann sie aber nur, wenn die betreuenden Tierhalter körperlich und mental fit sind. Das ist wichtig.
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Quellen:

2 Gedanken zu „Mensch und Kuh – eine gute Beziehung

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