Jahresgedanken


Amos Venema

Amos Venema, Milcherzeuger aus Jemgum

von Amos Venema

Liebe Verbraucher, Politiker, Freunde und Familie, wir alle sehnen uns nach der ruhigen und beschaulichen Weihnachtszeit, wie wir sie aus unseren Kindheitserinnerungen kennen.
Trotzdem möchte ich die Zeit nutzen und mit Euch ein paar Gedanken teilen, die immer wieder zur Sprache kommen.

Wir alle, die Politik – mittlerweile über alle Parteigrenzen hinweg, die Verbraucher, die NGOs und Interessensverbände und –vertretungen, fordern mehr Tierschutz, Umweltschutz, Naturschutz und mehr Nachhaltigkeit von der Landwirtschaft und insbesondere von den Tierhaltern.

Ich, Milchviehhalter in Ostfriesland, kann die Forderungen nur befürworten. Als nachhaltig wirtschaftender Unternehmer bin davon überzeugt, dass wir immer das Optimum der Möglichkeiten ausschöpfen sollten; also möglichst viel Tierwohl, Natur– und Umweltschutz.
Aber alles hat bekanntlich seine Grenzen:

  1. müssen wir genügend Geld verdienen, damit wir für unsere Familien ein langfristig gesichertes Einkommen erwirtschaften,
  2. müssen uns die Forderungen nicht überfordern und die Entwicklung unserer Betriebe lähmen,
  3. müssen uns die Forderungen und Ziele öffentlich nicht diskreditieren und dadurch demotivieren,
  4. müssen die Forderungen in der Praxis sinnvoll umsetzbar sein und dürfen sich nicht nur als politischer Populismus entpuppen.

Bei allem, was wir entwickeln, entscheiden oder beschließen, sollten wir immer bedenken, dass wir die ganze Welt im Blickfeld haben sollten und nicht nur unsere Gemeinde, unser Land oder die EU.

Was nützt uns das Verbot der Käfighaltung von Hühnern, wenn wir unseren Eierkonsum nicht reduzieren. Die Hühner werden nun nicht unter unseren hiesigen strengen Standards gehalten und die Eier werden als Flüssig – oder Trockenei importiert. Was nützt uns die Abschaltung der Atomkraftwerke in Deutschland, wenn rund um uns an unseren Bundesgrenzen reihenweise neue AKWs ans Netz gehen, um unseren Energiebedarf zu decken.

Wir können Tatsachen nicht einfach ignorieren bzw. ausblenden. Eine Tonne Weizen kostet überall auf der Welt 150 €. Ein Englischlehrer in Deutschland kostet 3.500 € im Monat, hingegen in Indien nur 350 €. Die Landwirtschaft in Europa muss zu Weltmarktpreisen produzieren.
Wir müssen uns ernsthaft die Frage stellen: „WOLLEN WIR, DASS DIE MILCHVIEHHALTUNG DIE GLEICHE ENTWICKLUNG WIE DIE TEXTIL- , SCHUH– UND EIERINDUSTRIE NIMMT? Die Folgen für das Land wären dauerhaft und nicht mehr revidierbar:

  1. Verlust der bäuerlichen familiären Strukturen,
  2. Verlust der ortstypischen Weidehaltung in Ostfriesland,
  3. Import von Milchprodukten von Megafarmen in China und anderen Ländern mit mehr als 50.000 Kühen,
  4. Verlust der ländlichen Kultur und eine noch stärkere Urbanisierung,
  5. Flucht der ländlichen Jugend in die Städte,
  6. Verwahrlosung der Landschaft,
  7. Verfall der Höfe und Dörfer wie in den USA,
  8. Verlust von vielen Arbeitsplätzen im ländlichen Raum.

Wenn wir wirklich “Unsere Landwirtschaft“ wollen, dann fordern wir unsere Landwirtschaft, aber überfordern sie bitte nicht. Wir entwickeln im Vertrauen mit den Landwirten die Landwirtschaft der Zukunft. Also MITEINANDER REDEN STATT ÜBEREINANDER und einander verstehen.
Unsere Betriebe können sich nur positiv im gesellschaftlichen Konsens entwickeln, wenn wir genug Geld verdienen. Wir brauchen eine faire und offene ethisch – sowie wissenschaftlich fundierte Aussprache über die Ausgestaltung der Rahmenbedingungen der Landwirtschaft.
Wir müssen begreifen, dass Naturschutz und Tierwohl Geld kosten und große Investitionen für die Betriebe bedeuten. Bei Milchpreisen unter 40 Cent pro Liter ist dies nicht möglich. Stetig steigende Standards über Weltmarktniveau und nur Weltmarktpreise als Erlöse führen die Betriebe in eine ausweglose Situation. Ein solcher Spagat macht jegliche Betriebsentwicklungsplanung zu Nichte.

Ich möchte dies noch einmal betonen: wir brauchen eine sachlich und wissenschaftlich fundierte Diskussion und keine emotional und fast extremistisch einseitige revolutionäre Agrarwende! Die Leistung der Landwirte muss honoriert werden. Wenn unsere Gesellschaft höhere Standards am Markt durchsetzen will, muss sie auch dafür bezahlen – entweder durch höhere Fest-Preise oder durch Subventionen!

Jeder, der ein Auto kaufen will, würde nie auf die Idee kommen, für das Leistungsmerkmal “mehr Sparsamkeit“ weniger zu bezahlen!

Ich möchte ein Zitat mit Euch teilen, dass in einer uns gerichteten Weihnachtsgrüße zu lesen ist und die aktuelle Situation gut schildert: „In der Arbeit der Landwirtschaft wie auch im Leben der Familien nehmen wir viele Veränderungen wahr, jeder in seinem Bereich. Ganz voran steht ein zunehmender wirtschaftlicher Druck. Seine Wirkungen lassen sich auf allen Ebenen beobachten. Ich könnte sagen, wir leiden alle darunter…“

Nächstes Jahr sind Bundestagswahlen und viele Menschen erklären zu solchen Anlässen Ihre Ansprüche auch gegenüber uns Landwirten. Ich wünsche mir, dass diese Ideen und Vorstellungen zu Ende gedacht werden und daran gedacht wird, dass alle diese neuen Ideen nicht nur eindeutige Auswirkungen auf die Betriebe haben können, sondern vielmehr auf die Menschen, die auf diesen Betrieben leben und arbeiten und über Generationen mit viel Herzblut ihre Arbeit leisten bzw. geleistet haben.

Von solchen Entscheidungen ist immer der gesamte ländliche Raum betroffen.
Wir, die Venemas, wünschen allen Lesern dieser Gedanken und deren Freunden und Angehörigen, die diesen Text lesen, teilen und diskutieren, frohe und besinnliche Feiertage! 2017 ist hoffentlich für uns alle erfolgreicher und wir nutzen die neue Zeit für mehr MITEINANDER und zu mehr DIALOG!


Amos Venema ist Milchviehhalter in Jemgum, Ostfriesland und aktiver Videoblogger auf www.mykuhtube.de

MyKuhtube auf Facebook

4 Gedanken zu „Jahresgedanken

  1. Pingback: [Agrar-Blogger] Jahresgedanken

  2. Frank

    Hey, ein sehr interessanter Artikel der tiefen Einblick verleiht. Ich verstehe die Gedanken und Ängste vollkommen. Habe kürzlich einen Artikel bezüglich der Milchproduktion im Bezug auf die niedrigen Marktpreise gelesen. Mich würde es echt interessieren, ob sich hier etwas getan hat, sprich, ob nach der Marktpreiserhöhung auch der Gewinn für den Landwirt selbst wieder hochgegangen ist, oder haben wir es wieder lediglich mit Werbezwecken der Discounter zu tun- und das Geld wird sich selbst in die Tasche gesteckt?
    [falscher Link eingefügt Anm. d. Red.]

    Antwort
  3. Pingback: Weide oder Stall? Was mag die Kuh lieber? | Die Agrar-Blogger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s