„Mit dem Charme der Interpharm“


Friederike Kricks persönliche Eindrücke von der Veganfach 2016

Zwei Messetage, 4.000 Besucher und 137 Aussteller aus 15 Ländern – damit sind die üblichen Daten zu einer Messe zunächst einmal „abgefrühstückt“. Und natürlich waren alle voll des Lobes, schreibt der Veranstalter in seiner Abschlusspressemeldung zur ersten Veganfach 2016 in Köln.

Die Veganfach ist die kleine Schwester der Anuga – eine Messe der Verarbeiter und des Handels. Wer Frischeprodukte in Halle 3 sucht, kommt vergebens. Inhaltsschwere Powerriegel, angereichert mit Paleo Protein, Drinks mit Antioxidantien oder Snacks mit niedrig glykämischer und zahnfreundlicher Isomaltulose für den veganen Ausdauersportler werben um Aufmerksamkeit, der Früchteriegel am Nachbarstand kontert mit komplexen Ballaststoffen und mittelkettigen Triglyceriden. Algenpulver in Tüten, Soja-Mix- Rind aus der Tüte, Nutella-Ersatz aus Haselnuss-Paste und eingedickter Traube oder Vegan Pet Food, es ist wie in der Haribo-Werbung „für jeden was dabei“, kreativ aufgehübscht in ansprechender Verpackung und freundlich präsentiert. Für vegane Puristen gibt es nach wie vor das einfache Erbsenprotein aus der schmucklosen braunen Papiertüte.

Protein aus der Paleo-Bar.

Protein aus der Paleo-Bar. (Foto: Krick)

Das Standpersonal ist freundlich und bemüht, inhaltlich aber nicht immer ganz auf der Höhe. So enthält Cascara Sparkling kein alkoholfreies Kölsch, wie der freundliche junge Mann mir erklärt. Wahrscheinlich hat er da etwas falsch verstanden. Immerhin hat Gaffel den Vertrieb für das Getränk aus der Kaffeekirsche in Deutschland übernommen. Und nein – vegane Stadtführungen durch Köln sehen keinen Besuch klassischer Kölschkneipen vor, weil normales Bier eben nicht vegan ist. Angenehm: Auf ideologische Belehrungen wird verzichtet, nur ein kleiner, bescheidener PETA-Stand erinnert an „Tierleid“ und Ausbeutung.

Vertrieb über Gaffel, aber ganz ohne Kölsch.

Vertrieb über Gaffel, aber ganz ohne Kölsch. (Foto: Krick)

„Einfach nur vegan“ ist längst kein ausreichendes Verkaufsargument mehr, der Zusatznutzen macht`s und soll zum Kauf animieren. Nur wer mit Kaugummi kauen ein Stück Regenwald rettet oder mit dem Brühen von Kapselkaffee peruanische Bio-Bauern unterstützt, darf sich gut fühlen. Natürlich läuft bei Chia, Amaranth, Goji, Kakao, indischem Reis oder Kokos auch alles politisch korrekt – darauf legen die Hersteller Wert in ihrer Kommunikation. Die Frage, ob die Kaffeekapsel biologisch abbaubar ist, wage ich nicht mehr zu stellen.

Exotische Früchte und Algenkonzentrat in Hochglanztüten. (Foto: Krick)

Exotische Früchte und Algenkonzentrat in Hochglanztüten. (Foto: Krick)

Ein Großteil der gezeigten Produkte stammt nicht aus Deutschland. Profanes wie Sellerie, Möhren, Wirsing oder Zwiebeln ist im Auge des Veganers kein Superfood und fristet ein eher bescheidenes Dasein in allerlei Knabberwerk und Chips. Besser nachgefragt sind aber die aus Humus. Regionalität ist nicht das große Thema dieser Veganfach.

Nicht jedes Produkt ist zudem konsequent vegan zu Ende gedacht ist. Der Milchreis einer deutschen Mühle etwa ist (natürlich) bio, für die Zubereitung im Backofen empfiehlt der Hersteller jedoch, einen Liter Milch und einen EL Butter hinzuzugeben. Der rosa Reis der Liebenden aus Indien schmeckt als ideale Beilage am besten zu Fisch und Wild. Erstaunlich vielen Produkten fehlt noch der Ritterschlag – das Vegan-Siegel.

Andere tragen es, doch bei denen fehlt praktisch alles andere, außer „Geschmack und Qualität“: So jedenfalls wirbt ein Hersteller von Fleischersatzprodukten und liefert die Verkostung samt ideologischem Hintergrund gleich mit. Der Erde zuliebe werden mit Vitamin B12, Eisen und Zink angereicherte, aber von Gluten oder Laktose befreite Hülsenfrüchte zu Döner, Chicken, Filet und Gehacktes zusammengepresst. Was hier in den Pfannen bruzzelt, gehört in die Kategorie System-Gastronomie, wird im gleichen Stil beworben und verwendet mindestens genauso viel Panade wie bekannte Fastfood-Ketten.

Frei von……

Frei von…… (Foto: Krick)

Für alle Fälle hält die Branche Unmengen an Dosen, Flaschen und Tiegeln mit Ergänzungsstoffen aller Art bereit. Streckenweise versprüht die Veganfach den Charme einer Interpharm. Apothekencharakter auch bei den Preisen. Die vegane Welt ist nichts für Geringverdiener. Spitzenreiter des Tages sind für mich der in Plastik eingeschweißte Cashew-Bruch aus Sibirien zum schlappen Messepreis von 50 Euro für zwei Kilo, 4,40 Euro für 70 g Goji-Beeren, 14,58 Euro für ein Gläschen Methyl B12-Lutschtabletten in der 1000 µg-Konzentration, und der vegane Döner für 6 Euro ist auch nicht gerade ein Schnäppchen. Dafür trägt er immerhin Spuren von frischem Salat und Tomate wie sein fleischiger Bruder.

Apothekencharme (Foto: Krick)

Apothekencharme (Foto: Krick)

Mein Fazit: Die vegane Welt hat die Ernährungsbranche erreicht. Die Veranstalter sprechen sogar von einer veganen Transformation. Für mich sieht es mehr nach veganer Durchmischung aus, frei nach dem Motto: heute ins vegane Restaurant, morgen ins Schnitzelhaus. Von der kleinen Gruppe der Hardcore-Veganer allein werden die vielen kreativen Hersteller auch nicht leben können, vor allem die unzähligen kleinen Start-Ups dürften es in Zukunft schwer haben. Dafür sorgen schon die großen Player am Markt.

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