„Im persönlichen Gespräch haben Sie mehr Respekt voreinander“


Jan Grossarth, Wirtschaftsredakteur der Franfurter Allgemeinen Zeitung, Foto: Frank Röth

Jan Grossarth, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Foto: Frank Röth

Immer mehr Landwirte und Landwirtinnen vernetzen sich im Internet mit Gleichgesinnten, z.B. auf Facebook oder Twitter untereinander, kommunizieren mit Verbrauchern auf ihren Facebook-Seiten und wollen so eine Diskussion mit der Gesellschaft führen. Wir sprachen mit Jan Grossarth, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, über die Risiken und Nebenwirkungen von Online-Diskussionen auf den kommunikativen Umgang miteinander.

Sind Facebook-Posts, Onlinekommentare und Tweets eine hilfreiche Ausgangsbasis für eine Diskussion mit der Gesellschaft oder beginnt in Sozialen Medien schon eine Gruppenbildung mit Auswirkungen, wie Sie in Ihrem Beitrag „In Zeiten der salonfähigen Wut“ beschrieben haben?

Grossarth: Ich habe nicht einzelne Landwirte oder Blogger zitiert. Im Text kommen Funktionäre vor, ein Buchautor und ein Journalist von der Fachpresse. Von denen darf man erwarten, dass sie ihre öffentlichen Worte überlegt und verantwortungsvoll wählen. Polemik, Ressentiments oder sogar offene Feindseligkeit gegenüber Parteien oder Journalisten, die ich in letzter Zeit wiederum unter einzelnen Landwirten beobachte und auch erfahren habe, halte ich für eine gefährliche Entwicklung, mit der sich die Landwirtschaft selbstkritisch befassen muss. So eine Entwicklung mag sich verstärken in den Online-Communities, die mehr zu einem Meinungskonformismus führen, als zum Gespräch. Aber das hat viele Ursachen.

Welche Gruppen von Landwirten haben Sie entdeckt?
Grossarth: Personen, die sehr unterschiedlich auf mich wirkten. Technokratische, krawallige, humorvolle, differenziert argumentierende. Auf meinen Text gab es viele positive Reaktionen, auch von Landwirten. Von den beschriebenen Personen und Verbänden meist aber nicht.

Der abstrakte Kontext, in dem Sie die Radikalisierung bei Landwirten beschreiben, ist religiöser Extremismus. Kann man hier wirklich eine Analogie herstellen?
Grossarth: Zunächst ist es das Wutbürger-Phänomen, das ich an Beispielen skizziere. Man hat eine Reihe von reellen Kritikpunkten und konstruiert daraus ein „Gegeneinander“ von Institutionen und angeblichen Bürgerinteressen. Radikalisierung setzt darüber, streng genommen, noch eine Idee voraus, eine politische oder religiöse, die der Wutbürger nicht braucht. Es ist nicht einfach zu sagen, ob das hier wirklich passt. Ich meine ja, jedenfalls für einige „Ideen“, die scheinbar  verbreitet sind unter Landwirten: Journalisten seien inkompetent, vertrauten interessengeleiteten Umwelt-NGOs blind, und ähnlich sei es auch mit den Parteien – Ute Vogt, die SPD, der Glyphosat-Verschreiber –, alles sei sozusagen eine öko-herrschaftliche Gemengelage, die jenseits der „Fachlichkeit“ liegt, für die Bauern stünden. Somit, das ist die Wahrnehmung, sei das ganze Gefüge „gegen uns“ gerichtet. Das halte ich durchaus für ein Gedanken-Gefüge, das ein Ausgangspunkt sein kann für einen Radikalisierungsprozess. Nämlich zunächst für eine  Gruppenbildung, eine Abgrenzung von „Gesellschaft“, anderen Perspektiven, anderen Zielen für Landwirtschaft, als der Produktivität: etwa Biodiversität, Klima und so weiter. Sie können das alles aber auch ohne den Radikalismusbegriff beschreiben. Sie können sagen: Es gibt da Anzeichen für Desintegration, für das Gefühl eines „nicht mehr Dazugehörens“. Aus der Konfliktforschung weiß man, dass dieses Gefühl eine wichtige Ursache für Radikalisierung sein kann. Ganz einfach derart, dass die Bereitschaft steigt, zumindest verbal aggressiver zu werden, aber auch Vertreter der anderen Gruppen zumindest „stellvertretend“ für „das System“ zu attackieren.

Wenn der Beitrag für rein landwirtschaftliche Leser geschrieben worden wäre, hätten Sie ihn anders formuliert?
Grossarth: Ja, aber das gilt für fast alle Beiträge. Für ein Fachpublikum schreibt man anders, als für ein allgemeines. Sie wissen mehr, und die Relevanz eines Themas erklärt sich ihnen von selbst, etwa, weil sie ihr Geld mit der Landwirtschaft verdienen. Mein Thema war, durchaus „pars pro toto“ oder für „viele“, die zunehmende Desintegration gesellschaftlicher Gruppen. Deshalb habe ich das so allgemein eingeführt. Wäre es ein isoliertes Phänomen, Einzelfälle unter vielen tausend – da gibt es eben einige Bauern, die sagen, Politiker und Journalisten seien ahnungslos – hätte es keine Relevanz für eine allgemeine Zeitung. Wäre das mein Eindruck, hätte ich es nicht geschrieben. Dann wäre es bloß  ein aufgebauschtes, konstruiertes Stück gewesen.

Landwirte brauchen starke Nerven, wenn sie einen Shitstorm auf ihren eigenen Facebook-Seiten erleben oder in Online-Diskussionen über landwirtschaftskritische Medien-Beiträge einsteigen: Weisen sie mit Fakten auf Defizite der Recherche hin, können sie sogar mal von Social-Media Redaktionen mancher Tageszeitungen gesperrt werden. Oder sie gehen in einer Flut von – für sie oft fachlich unqualifizierten – Kommentaren anderer unter. Sollten sich die Landwirte aus diesen Medien besser heraushalten und die Diskussionen dort unwidersprochen laufen lassen?
Grossarth: Jeder, der in der Öffentlichkeit steht, braucht gelegentlich starke Nerven. Wer bloggt oder kommentiert, begibt sich in die Öffentlichkeit. Aber er oder sie vergisst oft, dass es auch da eine Verantwortung gibt, bezüglich der Wortwahl, der Ehrlichkeit. Wenn jemand dünnhäutig ist und das nicht haben kann, wenn er dort nicht alle überzeugt mit seinen Argumenten, soll er es sein lassen. Wenn sie gesperrt werden, kann es immer daran liegen, dass ihr Gegenüber ein Dogmatiker ist, faul oder überfordert. Es kann aber auch daran liegen, dass der Landwirt, der ihn anspricht, eine Nervensäge ist und Grundregeln der höflichen Kommunikation missachtet.

Wie wichtig halten Sie Facebook als Plattform für die öffentliche Meinungsbildung zu landwirtschaftlichen Themen?
Grossarth: Ich kenne mich da nicht aus.

Kann es sein, dass der raue und pauschalierende, leicht reizbare Stil aus den Sozialen Medien inzwischen Einzug in andere Kommunikationsformen – auch in politische – genommen hat?
Grossarth: Ich persönlich meide Online-Diskussionen, weil mir der Umgang Bauchschmerzen macht. Im persönlichen Gespräch haben Sie mehr Respekt voreinander, mehr Diskretion und Höflichkeit, da passiert es nicht so oft, dass Sie jemanden nicht als individuellen, vielschichtigen Menschen ansprechen, sondern ganz plump als Teil einer Gruppe. Selten hatte ich das Gefühl, dass mich diese Art von Konfrontation klüger macht. Der Transfer schlechter Manieren, den wir in den Foren womöglich vom Virtuellen ins Realpolitische haben, mag darin begründet sein, dass die Gruppen, die sich dort finden, die Überzeugungskraft ihrer Ansichten und Argumente in anderen Gruppen überschätzen. Wirkliche Gespräche gibt es nicht da, wo man bewusst deswegen ist, um Überzeugungen zu festigen oder andere zu überzeugen. Allein die Idee! Man trifft sich im Netz, um die Welt zu überzeugen – das hat etwas merkwürdig Übergriffiges. Ein Gespräch kann nur gelingen, wenn ich den anderen ernst nehme, ihm zuhöre, seine Punkte auch verstehe und neugierig auf seine Beweggründe bin.

Dr. Clemens Dirscherl (EKD) riet letztes Jahr zur „verbalen Abrüstung“ in der Debatte um die Landwirtschaft. Das hat wohl keiner gehört. Welchen Einfluss haben emotionale Kampagnen von NGOs und fragwürdige Medienbeiträge auf die Stimmung unter Verbrauchern und Landwirten? Wie sollten Landwirte darauf reagieren?
Grossarth: Schade. Denn Herr Dirscherl ist ein kluger Mann, auf den es sich zu hören lohnt. Da sehen Sie jedenfalls, die Lagerbildung scheint in Ihrer Szene weit fortgeschritten. Ob Stimmungen, Themen und Werte aus der Gesellschaft „uns“ Journalisten erreichen oder die Journalisten sie „machen“ und prägen, ist eine schwierige Henne-Ei-Frage, da müssen Sie einen Medienwissenschaftler fragen. Journalisten sind in der Regel keine Missionare oder Pädagogen. Die Expertise der NGO ist in unserer pluralistischen Demokratie wichtig, denn nur sie können ohne ein direktes Geschäftsinteresse hoch spezialisiert bestimmte Themen verfolgen, auch über einen langen Zeitraum; sie sind ein wichtiges Gegengewicht zu den Konzernen. Oft habe ich es auch schon kritisiert, wenn die Worte und Symbole der NGO nicht mehr passten, wenn die Kampagnen überzogen waren und Zerrbilder produzierten statt Aufklärung. Deshalb braucht es auch Leute, die kritisch auf die NGO blicken. Solche, die sich in Wut-Tiraden über die Umweltverbände ergehen, sehe ich sehr kritisch.

Das schriftliche Interview führte Rainer Winter

5 Gedanken zu „„Im persönlichen Gespräch haben Sie mehr Respekt voreinander“

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  2. Werner Kupsch

    Sehr geehrter Herr Grossarth,

    mit Be- aber auch Verwunderung habe ich Ihre Antworten gelesen. Sie haben Recht, wenn Sie monieren, dass manche Reden und Beiträge von landwirtschaftlichen Funktionären oft kämpferische Vokabeln enthalten. Diese Rhetorik ist aber auch auf jedem Parteitag zu hören und gehört wie das Klappern zum Geschäft und zum Mobilisieren der Gefolgschaft. Sicherlich sollte man diesen Stil vermeiden, denn missverstandene Kriegsrhetorik ist irgendwann nicht mehr kontrollierbar. – Egal, wer diese nutzt, also auch die Grünen mit ihren stigmatisierenden Begriff „Massentierhalter“, abgeleitet von „Massentierhaltung“.

    Allerdings haben Sie die drei im Beitrag genannten Personen recht willkürlich ausgewählt. Diese pauschal für die gesamte Agrarkommunikation verantwortlich zu machen, irritiert mich doch sehr. Und ob deren Rhetorik einen größeren Einfluss auf die Diskreditierung von Medien und Politik hat, als diese beiden Bereiche selbst zu ihrer Diskrediterung beitragen, sei mal dahingestellt.

    Schließlich können die Menschen doch selbst bewerten, wenn ein Beitrag schlechter Journalismus oder eine politische Kampagne überzogen ist. Die Rolle der väterlichen Bewerter und Einordner der Welt haben Journalisten schon längst verloren. Damit müssen Sie umgehen können.

    Wäre es nach Ihrer Meinung also angemessener, einzelne Journalisten und einzelne Medien zu kritisieren, als „Medien“ pauschal zu schelten? Was aber wäre, wenn es oftmals schlecht recherchierte Berichte in den Medien gäbe, wie soll man das quantifizieren und darauf reagieren? Zwei öffentliche Listen aufstellen: Gute und schlechte Berichte? „Black-List/White-List“ – Das wäre sicher auch nicht in Ihrem Sinne. Medien grundsätzlich nie zu kritisieren ist auch keine Lösung, sie sind schließlich keine elitäre Kaste der Unkritisierbaren.

    Anders sieht es sicherlich aus mit zu schnell verallgemeinerten Pauschalurteilen und Polemiken, von denen es in Online-Diskussionen und -Kampagnen ja wimmelt. Davon sollten sich Verbandsvertreter und Politiker natürlich fernhalten. Was schwer aber fällt, da vereinfachende Polemik und Pauschalurteile das Weltbild und Meinungsbildung einfach machen – in einer immer komplexer werdenden Welt. Der Brexit ist aktuell ja das Produkt einer sehr polemisch geführten Debatte.

    Bewundernswert ist Ihre Gelassenheit, mit der Sie zugeben, dass Sie die Wirkung Sozialer Netze wie Facebook auf die öffentliche Meinungsbildung noch nicht einschätzen können. Da empfehle ich Ihnen, sich etwas mehr damit auseinanderzusetzen. Dann verstehen Sie
    manche REaktionen der Landwirte vielleicht besser.

    Mit freundlichen Grüßen

    Werner Kupsch

    Antwort
  3. Ina

    „Wer ein verbales „Abrüsten“ fordert, nimmt die aktuelle Dialogkultur als „Krieg“ wahr? Das scheint mir aber sehr weit hergeholt, obwohl auch ich mir höflichere Umgangsformen wünsche . Herr Grossarth hat in einem seiner Kommentare zur Glyphosat-Kampagne selber die Substanzlosigkeit der „Ökobewegten“ kritisiert. Dieses Beispiel steht nur stellvertretend für die zunehmend ideologisierten Anfeindungen, denen sich Landwirte ausgesetzt sehen: wenn Fakten basiert nicht diskutiert werden kann, steigert das die Bereitschaft, es den Kritikern gleich zu tun. Ich kann die Landwirte sehr gut verstehen. Wer kritisiert ohne, Lösungen anzubieten, die Arbeit gar in Frage stellt und die Landwirte alleine lässt, provoziert Frust und Aggression. Von Journalisten erwarte ich persönlich eine Mittlerrolle, die ein Thema von allen Seiten beleuchten, und ihren Lesern eine eigene Meinungsbildung zubilligen. Das passiert immer weniger, ist mein Eindruck und ist zumimdest hinsichtlich der Berichterstattung über „Bio“ bereits wissenschaftlich belegt. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht mehr“. „Wuttiraden“ dagegen lese ich selten. Eher der Versuch, Diffamierungen und Klischees wie bei der Glyphosat- oder Nitrat- oder Agrarwendediskussion mit Fakten richtig zu stellen oder mit Fragen zur praktischen Machbarkeit Grenzen aufzuzeigen. Also auch eine ernsthafte, fachliche Diskussion einzufordern. Warum ist das nicht möglich?

    Antwort
  4. Sebastian Lakner

    Sehr geehrter Herr Winter, das ist ein kluges Interview. Ich beobachte die Radikalisierung beim Thema Landwirtschaft auf beiden Seiten und für mich finden hier ähnlich Prozesse im kleinen statt, wie wir sie im US-Wahlkampf im großen beobachten können – wobei diese Prozesse sowohl bei Vertretern der Landwirtschaft wie auch bei manchem Kritiker der Landwirtschaft zu beobachten sind. Sie tragen mit dem Interview zur Aufklärung bei und zeigen Strategie im Umgang mit unsachlicher Kritik auf.

    Antwort

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