Der Roboter als Tierhalter der Zukunft


Von Sören Schewe

Alles wird immer smarter – Autos werden in nicht mehr so entfernter Zukunft selbst fahren, unser Heim werden wir mit dem Smartphone steuern können, während in der Landwirtschaft schon heute Kühe ihr Kraftfutter selbstständig aus Automaten holen und Roboter das Melken übernehmen. Zudem werden die Bewegungen der Tiere ständig überwacht, um Östren oder auch Lahmheiten zu erkennen. In Geflügel- und Schweineställen werden die Fütterung und das Klima ebenfalls schon per Knopfdruck geregelt. Werden damit in Zukunft neben Autofahrern auch die Tierhalter obsolet?

Hemsworth brachte mich drauf als er in seinem Buch die Überlegung anstieß, dass Tierwohl-Probleme, welche aus Mensch-Tier-Interaktionen entstehen, sich doch theoretisch durch die Abschaffung des Menschen (Tierhalter, Mitarbeiter etc) lösen ließen. Zudem sind Roboter in der Landwirtschaft ohnehin  auf dem Vormarsch. Landwirt @Fuxmux hatte dazu einen Screenshot aus der FAZ getwittert:

Um seine auf den ersten Blick steile These zu stützen, bezieht sich Hemsworth dabei unter anderem auf Untersuchungen zum Einsammeln von Geflügel, wenn die Tiere also am Ende der Mast aus dem Stall zum Schlachthof gebracht werden. Verglichen wurden dabei die Herzraten des manuellen und maschinellen Einsammelns. Die Herzraten seien im Vergleich ähnlich hoch gewesen, allerdings habe dieser Zustand nach dem manuellen Einsammeln länger angehalten. (1)

Grundsätzlich denke ich, dass eine rein Roboter- und ferngesteuerte Tierhaltung möglich wäre, bei der der Tierhalter überwiegend eine meist beobachtende Rolle einnimmt. Im Detail halte ich das allerdings für eine Illusion.

Selbst wenn Kühe selbst entscheiden können, wann sie sich melken lassen ohne dabei lange Schlange stehen zu müssen, muss ihnen das schließlich jemand beibringen, sie also heranführen. Ohne eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Mensch und Tier – ok, und der einen oder anderen leckeren Belohnung – wird das nix.

Im US-amerikanischen Milchvieh-Magazin Hoards Dairyman fand ich kürzlich die Meldung eines kanadischen Beraters, der auf die Problematik von „fetch cows“ hinwies. So werden Kühe bezeichnet, die einen Melkroboter nicht freiwillig besuchen. In diesem Zusammenhang erwähnte er Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen Lahmheiten und eben jenen selteneren Besuchen zeigten. Eine Referenz fand in jetzt nicht, grundsätzlich zeigt es aber, dass auch Roboter immer auch noch einen kompetenten Menschen im Hintergrund brauchen, der Maschine und Tier im Auge behält.

Natürlich können wir schon länger Kühe tracken, um dann anhand des Bewegungsprofils Lahmheiten oder auch Östren zu erkennen. Das ist super, eine Besamung oder ein Klauenschneider fallen aber nicht vom Himmel.  Auch Tierärzte können nicht einfach so ersetzt werden, schließlich können wir den Tieren trotz Impfungen und strengen Hygiene-Auflagen den Schnupfen nicht verbieten – und natürlich sind auch sie es, die ebenso tätig werden müssen, wenn eins der vielen Systeme Alarm geschlagen hat.

Als Tiermediziner mag ich zwar Tiere, weiß aber auch, dass diese Gegenliebe bei weitem nicht immer auch vice versa gilt. Heißt für mich: ich brauche jemanden, dem die Tiere vertrauen. Natürlich muss auch ich mich an gewisse Regeln halten und darf nicht spontan hemmungslos ausrasten, trotzdem bleibe ich für die Tiere der Ausnahmezustand. Da kann ein vertrauter „Sidekick“ Gold wert sein. Letztlich kommt auch Hemsworth zu einem ähnlichen Fazit. Eine völlige Abwesenheit des Menschen sei gerade in Notsituationen kontraproduktiv.

Aber nicht nur in diesen Ausnahmesituationen werden Tierhalter auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Geflügel-Halter müssen auch weiterhin durch die Ställe gehen, um Tiere einzusammeln, die tot umgefallen sind oder um generell mal zu schauen, ob alles ok ist, ob die Tiere aufgeregt sind etc. Da hilft es wenig, wenn die Tiere den Tierhalter für einen plötzlich erschienenen Feind halten und sich beim Fluchtversuch panisch tot treten.

Halten wir fest: Technologien werden weiterhin Einzug halten – in unser alltägliches Leben ebenso wie in der Landwirtschaft und dort auch in Ställe. Gerade hier werden technische Helferlein immer wichtiger werden, um ein adäquates Management zu gewährleisten, wenn sich der Strukturwandel fortsetzt und Betriebe weiterhin wachsen (müssen). Dafür spricht einiges, denn politische Forderungen nach umzusetzenden Auflagen und Markt-Volatilitäten werden in Zukunft bestimmt nicht seltener. Da sind Systeme, die die Rationsgestaltung kontrollieren, Tiere tracken und dadurch Probleme früh erkennen lassen oder gleich Kühe melken unverzichtbar.

Anmerkungen

(1) Spontaner Einfall: mich hätte hier auch mal eine Untersuchung zu Knochenbrüchen interessiert.

Bei einem Besuch auf einem Holländischen Milchviehbetrieb staunte Greg Peterson (Peterson Farm Brothers) nicht schlecht, als er die verschiedenen eingesetzten Roboter sah:

Quellen:

Hemsworth and Coleman – Human Livestock Interactions, 2nd Edition

Prof. Paul Hemsworth hat seine wissenschaftliche Karriere – wenn man es so hoch nennen will – der Erforschung des Tierwohls gewidmet und sich dabei auf die Beziehungen zwischen Mensch und Nutz- bzw. Haustier konzentriert bzw. er tut das sicher noch, über seinen Tod fand ich jetzt nichts. Er arbeitet an der Universität Melbourne und dort an der Faculty of Veterinary & Agricultural Sciences.

7 Gedanken zu „Der Roboter als Tierhalter der Zukunft

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  2. franzkinker

    Ob dann der Bauer am Ende glücklicher ist, wenn der Betrieb immer noch größer und unüberschaubarer wird? Und das bei diesen Erlösen?
    Ich kann mir das nicht vorstellen.
    Rackern, nur damit sich Banken und Landmaschinenhändler ins Fäustchen lachen?
    Und zur Krönung noch mehrere Standbeine, weil man ja mit 200 Kühen nicht mehr überlebensfähig ist.
    Das ganze System ist so krank.
    Wenn ich mich schon 365 Tage im Jahr voll für den Betrieb einsetze, dann möchte ich auch was damit verdienen. Das ist mein legitimer Anspruch. Bei den momentanen Preisen geht das aber nicht. Und da muss sich bald was ändern. Sonst werden die Hersteller ihre Roboter gar nicht los.

    Antwort
    1. Sören

      Hallo franzkinker,

      Du sprichst da einen wichtigen Punkt an. Dem Strukturwandel und den diesen begünstigenden Faktoren werde ich noch einen Artikel widmen – ob hier oder in meinem Blog, das kann ich gerade noch nicht sagen. Kommt aber.

      Hier geht es erstmal „nur“ um die technische Entwicklung und die Frage, wie die Tierhaltung zukünftig aussehen wird. Jetzt sind Vorraussagen immer schwierig, die Belege für eine recht sichere Zukunft der Tierhalter sind aber schon eindeutig: Wandel ja, Abschaffung nein.

      Du hast recht, die aktuelle Marktlage verhindert viele Investitionen, das betrifft auch das viel diskutierte Tierwohl. Wie gesagt, werde das noch aufgreifen.

      Antwort
    2. Alois Wohlfahrt

      Hallo Franz,
      Du hast vollkommen recht. Schon der Mansholt-Plan in den 60er Jahren fußte auf der Notwendigkeit des Wachstums (Strukturwandel) damit die Mechanisierung rentabel werden könne. Die Bauern haben das doch perfekt umgesetzt.
      Lebte eine Bauernfamilie im Allgäu noch 1990 von ca 100.000 Liter Milch, so sind es heute 300 bis 500.000 Liter. Tendenz steigend.
      Doch der Bauer verdient selber nicht mehr. Er dreht nur viel mehr Kapital im Jahr.
      Zur Roboter-Mechanisierung: Als im Allgäu die ersten Melkroboter kamen hat mir ein Bauberater des Landwirtschaftsamtes mal gesagt, dass er das ideal fände. Weil dann könnte der Landwirt viel lockerer „nebenher“ zum arbeiten gehen….
      Oder auf heutige Verhältnisse gesprochen – er hat mehr Zeit um auch mal mit dem Traktor einen Ausflug nach Brüssel zu machen. 😦
      Wer Augen hat der sehe, wer Ohren hat der höre, wer Hirn hat der denke.

      Viele Grüße ins Ostallgäu
      Alois

      Antwort
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