Pfluglos über den Acker


Ein Gastbeitrag von Sören Schewe

Pflugsohle

Bis zur Pflugsohle wird der Boden gedreht

Ob ich denn bei meiner Recherche eine Untersuchung über Regenwürmer mit Schleuder-Trauma gefunden hätte, fragte mich Brigitta Blume unter meinem ersten Artikel zu den beiden Berichten des BUND und der DLG. Marcus Holtkötter setzte dann bei Facebook noch einen drauf. Pflügen ginge ja noch. Mit der Scheibenegge werde es für die Würmer erst richtig turbulent mit Achterbahn, Bungee Jumping und Affenkäfig zusammen. Nachdem die Lachtränen getrocknet waren, fiel mir auf, dass der Ansatz gar nicht so unsinnig war, schließlich sind Regenwürmer für die Boden-Struktur extrem wichtig und so ein Pflug kann in der Tat für mächtig Wirbel sorgen – zum Ärger des Wurms.

In meinem Einführungsartikel erwähnte ich die beiden „populären“ Probleme Erosion und Bodenverdichtug. Um diesen zu begegnen, ist in den letzten Jahren bis Jahrzehnten die pfluglose Bodenbearbeitung in den Fokus gerückt. Auch im aktuell erschienenen Bodenatlas wird die pfluglose Bodenbearbeitung als Lösung der genannten Probleme, zumindest aber als viel versprechende Alternative, erwähnt. Besonders in den USA ist diese Form der Bearbeitung ganz weit vorne. Möglicherweise ein Grund, weshalb das Wissenschaftsmagazin Scientific American diesem Thema 2008 einen eigenen Artikel widmete. Landwirt Brian Scott aus den USA schreibt in seinem Blog, dass ihm zum richtigen Umpflügen eines Feldes schlicht die Erfahrung fehle. Hat er noch nie gemacht. Mit der pfluglosen Bodenbearbeitung und den Vor- und Nachteilen dieser Methode kennt er sich dafür umso besser aus.

Vorteile

Klar, eine verbesserte Bodenstruktur ist natürlich der Grund für dieses Verfahren. Brian beginnt seine Argumentation aber anders, weshalb ich hier kurz auf den Artikel des Scientific American zurückgreife. Während ein Pflug bis zu 25 cm des Bodens umwälzt und dabei Pflanzenreste der letzten Ernte untergräbt, agiert ein Grubber nur an der Oberfläche und ermöglicht dem Boden so eine eigene Struktur, die von den dort lebenden Organismen bestimmt wird. Als weiteren Vorteil erwähnt Brian die Stoppel-Rückstände, die auf den Feldern bleiben, wenn gerade nichts neues wächst. So können Regen und Schnee langsam hindurch in den Boden sickern, anstatt einfach abzufließen und Boden mitzunehmen. Klar, wenn es schüttet wie aus Eimern, passiert das trotzdem. Der dritte Vorteil geht raus an alle Regenwürmer, denn die pfluglose Bearbeitung spart auch Fahrten über das Feld, was direkt zum Thema der Verdichtung führt. Die wird dadurch reduziert, es bleiben mehr Lufträume im Boden für die Tiere und so kann auch hier Wasser besser versickern.

Nachteile

Gepflügtes Feld

Der Pflug erledigt Unkräuter nebenbei.

Trotz offensichtlicher Vorteile der pfluglosen Bodenbearbeitung bringt die Abstinenz eines Pfluges aber auch Probleme mit sich, kann Unkraut doch nicht mehr mechanisch bekämpft werden. Gut, da gibt es natürlich Wege, um den Unkraut beizukommen: Brian hat da zum Beispiel mit Round Up gute Erfahrungen gemacht – bei den Autoren des Bodenatlas natürlich Grund für Schluckauf. Eine weitere Herausforderung sind die schon als vorteilhaft erwähnten Rückstände der letzten Ernte, die zu Trägern von Krankheiten werden können und damit die nachfolgende Ernte infizieren.  Normalerweise werden diese Rückstände einfach untergepflügt, was hier natürlich flachfällt. Hier bietet sich der Wechsel der Fruchtfolge an, also unterschiedlicher Pflanzensorten, die nicht mit den gleichen Krankheiten/Schädlingen zu kämpfen haben. So werden Krankheitszyklen und die Vermehrung von Schädlingen unterbrochen. Der gerade auch wirtschaftlich brisanteste Faktor bei der Entscheidung zur pfluglosen Bodenbearbeitung ist die Zeit. Ein Feld, das über Jahrzehnte gepflügt wurde, ändert sich nicht über Nacht. Der Aufbau der Bodenstruktur braucht in der Regel einige Jahre. Unnötig zu erwähnen, dass damit auch die Erträge erst nach und nach steigen. Was Brian hier aus seiner Erfahrung als Landwirt beschreibt, deckt sich durchaus mit den Aussagen im Bodenatlas (Seite 18-19), wenn man die typischen Seitenhiebe kurz ignoriert.

Was bedeutet das?

Was die latent nörgelnden Autoren des Bodenatlas ebenso versäumen zu formulieren wie die Sprachbeamten des DLG-Nachhaltigkeitsberichtes ist ein Fazit. Dank Brian und dem Scientific American helfe ich da gern. Natürlich ist die pfluglose Bodenbearbeitung kein Allheilmittel. Sicher, die Vorteile sind klar, aber es braucht nun mal Zeit, um damit als Landwirt damit erfolgreich zu sein. „It doesn’t happen over night“, um Brian Scott zu zitieren. Natürlich können wir uns jetzt an der Verwendung von Pestiziden wie Round Up abarbeiten, die Probleme regeln müssen, die sonst der Pflug übernahm bzw. beseitigte. Bringt aber wenig. Da beißt sich die berühmte Katze dann in den Schwanz. Viel spannender finde ich hier das Konzept wechselnder Sorten beim Anbau, um so die Lebenszyklen der Schädlinge und Pilze zu unterbrechen. Und das passiert auch. Nach und nach.

Disclaimer: wie letztes Mal, was sollte ich mich auch freiwillig für Regenwürmer interessieren. Kommen ja eher selten zum Tierarzt. Ernsthaft: Unschwer zu erkennen, dass das hier nicht mein Fachbereich ist. Ergänzungen in den Kommentaren sind also willkommen, der simple Link zu Keckl ausgenommen 😉

Weitere Verweise:

– Mein erster Artikel zu DLG und Bodenatlas

– Brian Scotts Erfahrungen zu Pflugloser Bodenbearbeitung (mit Fotos)

– Artikel in der Washington Post

10 Gedanken zu „Pfluglos über den Acker

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  3. Brigitta

    Ha. Ich bin wieder der Super-Fachmann – so völlig ohne jeden eigegen Acker *grins*
    Ich wollte auch nur ergänzen, daß das meiner Ansicht nach (ist wörtlich zu nehmen, dem Augenschein und dem Zugucken nach) von Boden zu Boden sehr verschieden ist.

    Antwort
  4. Johannes

    Hallo Sören,
    Guter Beitrag.
    Ich habe vor langer Zeit auf meiner Homepage http://Www.moorzentrale.de auch schon etwas dazu geschrieben.
    Ich glaube es gibt hier auch viele Faktoren, die zu berücksichtigen sind. Unterschiedliche Böden und Kulturen.
    Ich selber pflüge nicht mehr selbstverständlich, es reicht aus meiner Sicht auch alle 2 Jahre oder so.
    Wenn man nachhaltig die Bodenstruktur verbessern will muss man sicherlich noch weniger pflügen, aber dann benötigt man auch mehr Pflanzenschutz, glaube ich, wobei man ganz ohne Pflanzenschutzmittel eh nicht auskommt.
    Ich kann hier die Berufskollegen nur raten selber mal was zu probieren, genau so wie im Stall.
    Mutiger sein und nicht grundsätzlich einfach so wie immer machen, dass kann man glaube ich allgemein sagen, auch abschließend was das Thema Öffentlichkeitsarbeit angeht.

    Antwort
    1. Johannes

      Beim Thema Pflanzenschutz könnte man ja noch auf die Robotik hoffen. Kleine Roboter, die vielleicht solargetrieben eine mechanische Unkrautbekämpfung durchführen. Mit Kameras und entsprechender Software ausgerüstet, könnten sie Weißen Gänsefuß, Knöterich etc. erkennen und ausreissen. Und das eben unermüdlich. So ließe sich die chemische bestimmt wesentlich verringern, ohne den Arbeitsaufwand immens zu erhöhen. Sicherlich noch Zukunftsmusik, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen 😉
      Problem wäre wohl, dass der Bedarf an Pflanzenschutz vor allem rund um Saat und Auflaufen da ist. Sicherlich auch eine Kostenfrage…

      Antwort
    2. Sören

      Hallo Johannes,

      klingt doof, aber so richtig tief stecke ich in der Thematik auch nicht drin, kann Deinen Kommentar aber so bestätigen. Die Meinungen, die ich im Vorfeld las, gehen in die selbe Richtung, sprich: um vom Ackerbau auf No-till umzustellen, braucht es Zeit, um an vergleichbare Erträge anzuknüpfen. Das schrieb ich ja auch im Artikel.

      Was das Thema Öffentlichkeitsarbeit angeht, gilt es in erster Linie noch viel zu experimentieren, einen 5-Punkte-Plan gibt es nicht. Aber keine Sorge, wir sind dran 😉

      Grüße
      Sören

      Antwort
  5. Pingback: Glyphosat für den Regenwurm › Vom Hai gebissen › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  6. Karl Wahler

    Hallo Sören,
    Deutschland ist klimamäßig sehr unterschiedlich. Weil es im Norden unserer Republik zur Zeit sehr nass ist und auch die Böden sandig, ergeben sich als Folge Erosion durch Wind und Wasser, sowie Bodenverdichtungen. Und weil die Behörden und die Politiker auf Druck von Naturschutzverbänden und Wasserwirtschaft etwas unternehmen müssen (Seht her, was wir alles für die Umwelt tun!) wird alles über einen Kamm geschert. Wir im nördlichen Unterfanken sind das trockenste Gebiet Bayerns mit oft weniger als 500 mm Jahresniederschlag. Dass es gleich mehrere Monate am Stück keinen Tropfen regnet, ist bei uns schon fast normal.
    Aus diesem Grund sind die hier vorgebrachten Empfehlungen zum Bodenschutz, Regenwurmbesatz und generell Pflanzenbau bei uns nicht zielführend. Aufgrund der geringen Niederschläge auf vielerorts tonhaltigen Böden gibt es im Grunde keine Wassererosion. Weil wir aber im fränkischen Stufenland zu Hause sind, wurden viele unserer Felder in die Erosionsklasse Wasser 1 oder 2 mit den entsprechenden Auflagen eingestuft, was ich als Schikane empfinde. Eine Direktsaat statt konventioneller Saatbettbereitung von Mais auf stark tonhaltigem Boden hat schon mal einer versucht und ist grandios gescheitert. Der Boden lagert sehr dicht. Wenn es zu trocken ist, bringt man das Säschar nicht in den Boden. Ist es aber schon etwas feucht, zieht das Säaggregat einen Schlitz in die Erde, der offen bleibt, weil die wenigen frischen, vom Wasser aufgequollenen Erdkrümel in kürzester Zeit vertrocknen. Der Säschlitz wird durch die Luft beinhart und das Samenkorn bleibt auf halber Höhe im Schlitz eingeklemmt und kann nicht keimen. Bei Mulchsaat auf solchen Böden wird durch die vorauslaufende Trennscheibe, welche verhindern soll, dass sich abgefrorene Zwischenfrüchte am Sägerät aufschieben, sozusagen ein Trockenriss im Boden vorgezeichnet. Man kann dann später bei jeder Zeile einen schnurgeraden Trockenriss erkennen, wo die Sämlinge nicht keimen können, oder als kleine Pflänzchen gleich wieder vertrocknen, wenn es nicht rechtzeitig regnet. Sollte es im Sommer wirklich mal einen heftigen Gewitterregen geben, dauert es lange, bis diese oft 60 bis 80 cm tiefen Risse vollgelaufen sind. Wenn bei uns dennoch vielerorts das Grundwasser den Nitratgrenzwert von 50 mg überschreitet, liegt das daran, dass z.B. früher zu Zuckerrüben doppelt soviel Stickstoff gedüngt wurde, als heute. Wegen der häufigen Trockenheit kann sicherlich auch der verabreichte Dünger nicht voll von den Pflanzen aufgenommen werden und versickert über einen langen Zeitraum, der Jahrzehnte dauern kann im Untergrund.
    Regenwürmer sehe ich seit Jahren kaum noch beim Pflügen. Im Sommer halten viele Arten einen sog. Sommerschlaf in ca. 1 Meter Tiefe. Wenn aber die Erdkrume gar nicht so mächtig ist, dass sie so tief hinab können, vertrocknen sie im warmen Boden. Im Übrigen glaube ich nicht, dass das Pflügen für die Regenwürmer soo schlimm ist, wenn sie sich nicht gerade zufällig auf Höhe der Pflugsohle aufhalten und zerschnitten werden. Ist es aus Sicht eines Wurms nicht genauso gefährlich, wenn in 10 oder 15 cm Abstand ein Grubberzinken durch den Boden rast, der ihn zerquetscht?
    Bezüglich der noch zu untersuchenden möglicherweise schädlichen Wirkung von Pflanzenschutzmitteln auf Kleingetier und aktuell Insekten, habe ich kein schlechtes Gewissen. Glyphosat brauche ich nicht (obwohl ich es nicht verteufele), ich habe keinerlei Ungrasprobleme, die Rüben werden Maschinen- und Handgehackt und nur einmal in der Regel gespritzt, Insektizide brauchen wir auch keine und die Fruchtfolge ist vielseitig.
    Mit Hilfe des Pfluges ist es bei uns möglich, im Herbst, nach der Mais- oder Zuckerrübenernte, wenn es doch einmal zu nass ist, trockene Erde nach oben zu bringen, um ein einigermaßen ordentliches Saatbett hinzukriegen.
    Wenn in Amerika StripTill die Lösung dortiger Probleme mit Boden, Wetter und Klima verspricht, so heißt das nicht, dass das überall zu empfehlen ist.
    Wir haben hier immer mehr ein Klima wie in Norditalien und können daher auch die Früchte anbauen wie dort, z. B. Durumweizen.
    Ich denke, die Landwirte in den jeweiligen Regionen wissen selbst am besten, wie sie ihre Felder zu bewirtschaften haben und nicht irgendwelche Professoren oder Dozenten an Hochschulen in anderen Gegenden ohne praktische Kenntnisse.
    Gruß

    Karl

    Antwort
    1. Sören

      Hallo Karl,

      erstmal bitte ich um Entschuldigung, dass ich Deinen Kommentar erst jetzt finde. Du hast mit Deinen Einwänden natürlich völlig Recht. Das war mir auch bewusst als ich den Artikel schrieb. Die fachlichen Publikationen und Debatten zur pfluglosen Bodenbearbeitung und allem, was sich zwischen pluglos und Pflug befindet, sind ziemlich komplex. Das sage ich jetzt nicht als Ausrede, sondern als jemand, der einfach mal grundlegend erklären wollte, dass Landwirten nicht an der Zerstörung des Bodens gelegen ist.

      Vielleicht werde ich Deinen Kommentar mal als eigenen Artikel posten, wenn das ok ist.

      Viele Grüße!

      Antwort

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