„Hollywood trifft Landwirtschaft“ – Über Stalleinbrüche & Skandalvideos


Gastbeitrag von Sebastian E. Jäger
Agrarwissenschaftler an der Humboldt Universität Berlin
Sebastian twittert unter: https://twitter.com/Lederstrumpf_

Blick in einen modernen Schweinemaststall

Blick in den modernen Schweinemaststall der Seegers Foto: Schleeh

Die Landwirtschaft ist dabei sich zu öffnen, ob beim Tag des offenen Hofes, mit eigener Homepage im Internet oder via Facebook und Twitter. Zeit, über ein Thema zu schreiben, welches für Landwirte nicht so erfreulich ist – Stalleinbrüche.

Wir kennen sie alle, die Schockbilder aus den Tierställen, die in Fernsehreportagen zu sehen sind, auf Aktivisten-Seiten im Internet oder in Fußgängerzonen von Spendensammlern herumgereicht werden.

Aber wie ist eigentlich die Geschichte hinter diesen Bildern? Wie kommen sie zustande?

Hier eine kleine Auswahl filmischer Gestaltungsmittel.

Der Drehort ist der Stall und seine nähere Umgebung. Die Protagonisten sind unsere Nutztiere – meist Schweine, Hühner, Puten oder Kühe. Manchmal aber auch der Landwirt selber. Kamerateam und Statisten werden von den Einbrechern gestellt.

In der Regel finden die Aufnahmen alle nach dem gleichen Muster statt.

Es wird sich entweder Zugang zu den Stalleinrichtungen mit Gewalt verschafft oder man hat Glück und der Stall ist gar nicht erst verschlossen. Bei manchen Aufnahmen wird allerdings nicht der Stall von innen gefilmt, sondern der Landwirt wird aus stallnahen Büschen heraus, bei der vermeintlichen Tierquälerei – Live und in Farbe – erwischt. Letzteres kann auch tagsüber stattfinden. Die meisten Stalleinbrecher kommen allerdings nur im Schutze der Dunkelheit. Da der Stall aber schon bei Tageslicht ausgiebig observiert und Fluchtwege gecheckt wurden, gibt es bei der Orientierung in der Nacht keine Probleme.

Die Dunkelheit soll in den Filmaufnahmen eine gruselige Atmosphäre schaffen. Der Zuschauer soll denken, die Tiere leben ständig in Dunkelheit. In Wirklichkeit schreibt das Tierschutzgesetz die Dauer der Beleuchtung und Tageslichtöffnungen im Stall genau vor.

Jeder landwirtschaftliche Betrieb der Tiere hält, muss aus seuchenhygienischen Gründen eine Kadavertonne besitzen. Hier werden tote Tiere solange aufbewahrt, bis sie von Mitarbeitern der Tierkörperbeseitugungsanlage abgeholt werden. An dieser Kadavertonne wird sich dann auch gern bedient und ein totes Tier an verschiedene Orte in den Stall gelegt und gefilmt, sodass der Eindruck entsteht der ganze Stall wäre voller toter Tiere. Das gleiche gilt für das Filmen von Krankenbuchten (kranke Tiere werden hier wieder gesund gepflegt). Die mehrfache Wiederholung dieser Aufnahmen im fertigen Skandalvideo, führt zu der falschen Annahme, alle Tiere im Stall wären krank.

Der Zuschauer soll auf keinen Fall einen Gesamteindruck vom Stall bekommen, daher wird selektiv das gefilmt, was später vielleicht mit einem negativen O-Ton unterlegt werden kann.

Gern wird auch der Wasserhahn im Stall aufgedreht. Die Güllekanäle laufen über und die Schweine stehen in einem Kot-Harn-Gemisch. Das sieht natürlich im späteren Filmchen besonders ekelig aus.

Es sind auch Fälle bekannt, in denen Medikamentenpackungen abgefilmt wurden, um Antibiotikamißbrauch zu beweisen. Auch hier sollte man genau hinschauen, da es eine Reihe von freiverkäuflichen Medikamenten, wie Wundsalben oder Sprays gibt, die das Wohlbefinden der Tiere verbessern.

Wir sehen, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Abhängig von der Motivation der Stalleinbrecher werden die gefertigten Bilder und Filmaufnahmen anschließend dem zuständigen Veterinäramt übergeben und an Journalisten verkauft. Das Veterinäramt wird in der Regel keine Beanstandungen vorfinden, da wie oben beschrieben gar keine wirkliche Tierquälerei vorliegt.

Einigen Journalisten dagegen ist die Wahrheit egal. Sie wittern eine Story. Ab geht es zum beschuldigten Landwirt. Natürlich unangemeldet, um den Landwirt hoffentlich auf dem falschen Fuß zu erwischen und noch ein paar Kuriositäten herauszufinden. Wenn der Landwirt dann noch abwinkt und keine Aussage macht, wird das als Schuldeingeständnis gewertet, nach dem Motto: „Der scheint ja was zu verbergen zu haben.“. Das anonymisierte Gesicht und die verzerrte Stimme des Landwirts wird später auch nicht zur Vertrauensbildung beim Zuschauer beitragen.

Mit solchen Filmsessions soll alles erreicht werden, nur keine Verbesserung der Situation der Tiere.

Wenn zu einer ungewöhnlichen Uhrzeit fremde Menschen einfach in ihren Stall hineinplatzen und sie bei der Nachtruhe stören, ist das für die Tiere purer Stress. Tiere werden von Stalleinbrechern auch gern „freigelassen“. Dabei verenden die betreffenden Tiere oft qualvoll, verletzen sich gegenseitig oder erholen sich zumindest nie wieder richtig von ihrer „Freiheit“.

Wenn Belüftungsklappen, Temperaturregler, sowie Futter- und Tränkeautomaten manipuliert werden, kann die Zeit für die Tiere bis zum nächsten Morgen ebenfalls sehr unangenehm werden.

Auch üblich: Nicht jedes Skandalvideo wurde tatsächlich in dem Stall des beschuldigten Landwirts gedreht. Oft werden in Reportagen auch uralte Aufnahmen aus dem Ausland verwendet.

Abschließend bleibt noch zu sagen, dass es sicher Tierhaltungen gibt die verbesserungswürdig sind.

Allerdings fliegen diese eher unter dem Radar und die Ursachen sind divers. Solche, in denen im Kampf um Quote eingebrochen wird, gehören meist nicht dazu.

Zusatz von Hannes Schleeh:

In den Stall der Brokser Sauen, wurde in der Nacht vom 27.05. Auf den 28.05.2014 eingebrochen.
Die Täter haben sich über den Jungsauenaufzuchtstall Zugang verschafft.
Laut Aussage der Stallbesitzer wurde nichts entwendet. Aber das ist bei den Filmemachern ja auch nicht der Zweck des Einbruchs. Bisher kann man leider noch nicht sagen, ob es darum ging. Aber wer dreht schon das Wasser in einem Stall auf, mitten in der Nacht?

Geflutete Schweinebuchten im Stall der Brokser Sauen Foto: Brokser Sauen

Geflutete Schweinebuchten im Stall der Brokser Sauen Foto: Brokser Sauen

In der Sendung von Bloggercamp.tv berichtet Kathrin Seeger von einem Einbruch in ihren Betrieb und wie das auf eine Landwirtsfamilie wirkt.

 

3 Gedanken zu „„Hollywood trifft Landwirtschaft“ – Über Stalleinbrüche & Skandalvideos

  1. Pingback: Skandalvideos und die Geschichte hinter den Bildern | Natürlich Jagd

  2. longcolt

    Hat dies auf Longcolt rebloggt und kommentierte:
    Es sind nicht immer nur die Schützen und Jäger die mit der „Qualitätspresse“ so ihre Probleme haben.
    Es ist mittlerweile Standard sich seine Skandale selber zu erschaffen um sein Produkt zu verkaufen. Ob es Lügen sind interessiert dabei nicht.

    Gefunden und gelesen bei „Die Agrar-Blogger“.
    Lohnt sich!

    Antwort
  3. Pingback: Tierschutzaktivisten verletzen Landwirt | wir-sind-tierarzt.de

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